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Onkel Tom's Hütte : oder die Geschichte eines christlichen Sklaven. Band…

by Stowe, Harriet Beecher, 1811-1896

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***


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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.

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Onkel Tom's Hütte

oder die

Geschichte eines christlichen Sklaven.


Von

Harriet Beecher Stowe.


Aus dem Englischen übertragen

von

L. Du Bois.


Zweiter Band.


S. Zickel.

Nro. 19. Dey-Street.

NEW-YORK.




Zwölftes Kapitel.

Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel.

»Man hört eine klägliche Stimme und
bittres Weinen auf der Höhe; Rachel
weinet über ihre Kinder und will sich
nicht trösten lassen über ihre Kinder,
denn es ist aus mit ihnen.«


Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder
eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein
sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben
einander sitzen, -- auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren,
Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben
Gegenstände darbieten, -- es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit
sich oft in denselben findet!

Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite
und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett
und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er
dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte
an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer,
Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten
geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie
menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen
und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom
den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er
seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche
Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine
Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die
er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb
erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei!

Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches,
die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten:
»Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige
suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott;
denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten
Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben
von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher
Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und
erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da,
wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war.

Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und
begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er
war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem
halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch
zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise
recitirte er langsam den folgenden Paragraph:

»~Meistbietender Verkauf.~ -- ~Neger!~ -- In Gemäßheit
gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor
der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden
Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr alt, Ben,
21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der
Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford,
Squire.«

Samuel Morris,

Thomas Flink.

»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in
Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich
will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter
nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute
Gesellschaft thut, -- verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden
Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch
stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.«

Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem
eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl
Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von
diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in
Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte
Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs
einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets
auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen
war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine
Rechtschaffenheit: -- er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz
sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und
Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, -- den Einen in
einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse.

Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine
gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, -- rauchend, kauend,
speiend, fluchend, und sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen
Geschmacke der Einzelnen, -- und Alle auf den Anfang des Verkaufs
wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in
einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib,
welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt
und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig
Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und
war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer
Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche
von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer
starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach
südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an
ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden,
der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben.

»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern,
»ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne
es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.«

»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre
zitternden Hände aufhebend; -- »ich kann noch kochen, und scheuern, und
arbeiten; -- ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; -- sage
ihnen das, -- sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu.

In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den
alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine
Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken
beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu
zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung
vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ
ihn seine Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn
dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen.

»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit
leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch
stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, -- groß viel, Master.«

»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr
wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden
gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe
stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine
Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen.

»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung
gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu
reguliren.

»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die
Jungen und den Buben.«

»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,«
entgegnete der Mann.

»Ist 'ne harte Bedingung, -- ist nichts als ein altes Knochengerippe,
-- das Salz nicht werth.«

»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann.

»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus,
und verrückt dazu.«

»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr
drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich.

»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, --
sicher, hab' sie gesehen.«

»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, --
's scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, -- glaube, sie
wird billig mit hinein gehn.«

»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's
ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten, -- ist gut zu 'nem
Plantagenarbeiter; -- mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht,
wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley.

»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann.

»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig.

Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der
Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig
thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die
Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach
ihrem Sohne.

»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, -- dicht, -- sie werden uns
zusammen ausbieten,« sagte sie.

»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe.

»Sie müssen, Kind; -- kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht
thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich.

Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun,
daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die
verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen,
die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon
hatte Haley erstanden.

»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer
berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.«

»Stellt uns zusammen aus, zusammen, -- bitte, Master!« sagte die alte
Frau, den Knaben fest haltend.

»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst
zuletzt! -- Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er
den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes
Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte
keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb aus seinen großen,
glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben.

Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes
Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern,
und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des
Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von
einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte,
bis der Hammer fiel, -- Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem
Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen
Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter,
zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte.

»Kauft mich auch, Master, -- um des lieben Jesus willen! -- kauft mich
auch, -- oder ich komme um!«

»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, -- das ist die Sache,« sagte
Haley, -- »nein!« und drehte sich um.

Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener
Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid
zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer
begannen sich zu zerstreuen.

Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen
aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte
Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war.

»Konnten sie mir nicht Einen lassen? -- Master hat immer gesagt, ich
sollte Einen behalten, -- er hat's immer gesagt!« wiederholte sie
fortwährend mit herzbrechenden Tönen.

»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den
Männern mit wehmüthiger Stimme.

»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen.

»O Mutter, Mutter! -- nein -- nein -- sei ruhig!« rief der Knabe. »Die
Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.«

»Frage nichts danach, -- frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind,
mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!«

»Kommt hier, nehmt sie weg, -- kann's denn keiner?« sagte Haley
trocken, -- »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.«

Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung
von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und
versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen
Herrn geleiteten.

»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte
ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke
schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie
vor sich her dem Gefängnisse zu.

Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften
wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den
Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch
andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen
Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten
wurden.

Das Boot, +La Belle Rivière+, ein so schönes und braves Fahrzeug,
als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem
glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und
Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke
Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles
war lebendig, fröhlich und heiter, -- Alles, nur Haley's Leute nicht,
welche im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz
erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus
nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen
gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen.

»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe,
Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört
ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich
will's gut mit Euch machen.«

Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl,
Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir
müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie
hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter,
Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, --
und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen
fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar.

»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt«
bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie
legte, -- »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!«

»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom.

»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John.
»Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,«
fügte er hinzu.

Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die
Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer
gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und
versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten.

Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten
und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum,
gleich eben so vielen Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und
behaglich.

»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist
ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten
sitzen.«

»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen
Betrübniß und Unwillen.

»Was ist das?« fragte eine andre Dame.

»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter.

»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe.

»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!«
bemerkte eine andre Dame.

»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von
feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen
beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen,
um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich
glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre
Freiheit hätten.«

»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl
befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung
Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der
Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die
Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, -- in dem Zerreißen
der Familien, zum Beispiele.«

»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein
Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr
aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das
nicht sehr oft vorkommt.«

»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich
habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen,
um mit Schauder daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame,
Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?«

»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den
unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter
einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte.

»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das
sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin
unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie
~Gefühle~ haben, grade eben so tiefe, -- und vielleicht noch
tiefere, -- als wir.«

Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah
zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die
Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch,
daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.«

»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das
afrikanische Geschlecht dienstbar sei, -- und in Erniedrigung gehalten
werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer
Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß.
»Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen
Brüdern.«

»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann,
der dabei stand.

»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen
Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger
Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu
widersprechen.«

»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der
Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, -- nicht wahr, Squire?« fügte
er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche,
am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.

»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der
Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und
unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl --
diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley.

»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so
viel nicht drüber sagen können, -- habe keine Gelehrsamkeit. Den
Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen;
und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten,
versteht Ihr, mit der Reue anfangen.«

»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große
Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu
verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann,
so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände
sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« -- was ist
der Name? -- und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein
andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem
Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und
begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen,
magern Gesichte spielte.

Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes
Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun,
was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut ~Ihr~
ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl
Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.««

»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu
sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan.

Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe,
mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze
Reisegesellschaft, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sich
auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde.

»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die
Kajüte verließ.

Der Mann nickte zur Antwort.

Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das
Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo
die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals
des unglücklichen Stückes Waare, welches als: -- »John, dreißig Jahre
alt« -- bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen
und Schluchzen um ihren Gatten.

Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte,
Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu
wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten
und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu
werden, -- jeder Tag erzählt sie, -- und zwar dem Ohre Eines, der nicht
taub ist, wenn er auch lange schweigt.

Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes
gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute
jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner
Seite stehen.

»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie,
wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese
armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach
Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die
mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen
armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie
dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.«

Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon.

»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend,
»ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's
scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts -- nicht wahr?«

Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören.

»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott
auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens,
wie wir alle müssen, glaub' ich.«

Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes.

»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei
Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt
an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor
und begann seine Rechnungen zu summiren, -- ein Geschäft, welches
schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein
unruhiges Gewissen benutzt haben.

Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor.
Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber
nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf.

Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky
vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er
sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem
mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und
schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley
eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen
Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz
anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen
Mantelsack nachtragend. Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie
sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so
das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff,
die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß
hinunter.

Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und
Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem
Kinde zu spielen.

Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte
sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme.

Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und
hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete:

»Ich glaub's nicht, -- ich will's nicht glauben! -- Ihr wollt mich nur
zum Narren halten!«

»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein
Papier hervorziehend, -- »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da
ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu
bezahlt, -- kannst's glauben, -- also nun?«

»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht
wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit.

»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. --
Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so
gut und le'st das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr
sage, was es ist.«

»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,«
sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es
ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.«

Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald
eine große Anzahl Zuschauer um sie, denen Haley kurz auseinander
setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei.

»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in
demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet;
-- das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht
glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau.

»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,«
sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht
hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.«

»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger
werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit
abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf
den Strom hinab.

»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat
Vernunft.«

Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter,
milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist,
-- jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder
bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser
funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen,
voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr
Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das
Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen
kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch
Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte
es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach
der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann
schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der
Wartung des Kindes zu beschäftigen.

Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark
für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in
fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen.

»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der
Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?«

»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter.

Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod,
wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche
Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte.

»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und
ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte,
stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine
Cigarre rauchte.

Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an,
während dessen er zu Haley sagte:

»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.«

»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem
Munde blasend.

»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann.

Haley nickte und rauchte weiter.

»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter.

»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne
Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar
gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu
gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat die
richtigen Finger dazu, -- hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,«
sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte.

»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der
Mann.

»Ich werde 's verkaufen -- erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine
neue Cigarre anzündend.

»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die
Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend.

»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, --
gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!«

»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,«
bemerkte der Andere.

»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht
aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht
mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat
überall herum.«

»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich,
wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin
verlor ihr Junges vorige Woche, -- 's ersoff in 'nem Waschfaß, während
sie Zeug aufhing, -- und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen
geben.«

Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem
keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren.
Endlich fuhr der Mann fort:

»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn
Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.«

Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich.

»Das geht nicht, -- lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem
zu rauchen.

»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?«

»Je nun,« sagte Haley, -- »könnte 's Junge selbst aufziehen oder
aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt
seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren
zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent
weniger, als fünfzig Dollar jetzt.«

»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann.

»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem
Kopfnicken.

»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent
mehr.«

»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder
mit großer Bestimmtheit ausspeiend; -- »ich will das theilen, um was
wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; -- und das ist
Alles, was ich thun kann.«

»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause.

»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?«

»Bei Louisville,« entgegnete der Mann.

»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, -- wir kommen da
gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, -- macht sich herrlich, --
Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, -- paßt vortrefflich,
-- mache Alles gern ruhig ab, -- hasse allen Lärm und alles Aufsehen.«
Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in
Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner
Cigarre.

Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville
anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme
gesessen, -- welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie
den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in
eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle zwischen den
verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig
darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung,
ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den
Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die
Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber
hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer
sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich
zwischen sie und ihr Kind drängte.

»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind
aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und
laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm
mit dem Frauenzimmer geben.«

Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge
verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich
stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf
wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß
daselbst, und -- das Kind war fort.

»Wie -- was -- wo ist denn --?« begann sie in angstvollem Erschrecken.

»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; -- kannst es jetzt
gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du
konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe
Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es
viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.«

Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern
empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit
gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile
vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den
das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger Geübten beunruhigen
können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele
hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge
gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden,
unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, -- zur Glorie der Union, daran
zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er
in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den
stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel,
und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen
Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern
Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger
Bewegung entschieden entgegen.

Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch
das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt
setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an
ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts.
All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich
traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte
weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war
ganz ruhig.

Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile,
beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich
bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall
überhaupt zuließ.

»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber
so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht
nachgeben. Du siehst, 's war ~nothwendig~, 's mußte geschehen!«

»O laßt mich! Master, -- laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme,
welche der eines Erstickenden ähnlich war.

»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort, »ich meine 's gut
mit Dir, -- will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz
ausmachen; -- und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, -- so ein
hübsches Frauenzimmer wie Du. --«

»O Master! wenn Ihr ~nur~ nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,«
sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes,
daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner
gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich
um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel.

Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu
Zeit stehen, um sie zu beobachten.

»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist
doch ruhig; -- mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben
allmählig!«

Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke
genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen
Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und
Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte,
umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur
bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so
würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und
darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen
Handel zu erkennen, -- einem Handel, der eine wesentliche Stütze für
eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr.
Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »~sie keine andern Uebel
mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im
socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien~.« Allein Tom,
der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze
Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit
dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete
ihm um des ~Unrechts~ willen, was seiner Ansicht nach jenem armen
leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf
den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen,
welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der
Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt.

Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte
nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen
Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den
Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber
das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr
empfinden.

Die Nacht kam heran, -- ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen,
feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von
jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich
hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der
Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf
dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen
gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt,
und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes
Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: -- »O! was soll
ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« -- bis auch diese Laute
endlich erstarben.

Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an
ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren
Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen
oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, -- der Platz, wo die Frau
gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich!
Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten
sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn
sie sich über nichts geschlossen hätten.

Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim
Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller
Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom ~Manne der
Schmerzen~, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem
langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage
auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott
ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.«

Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen
lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die
Reihe, sich verwundert umzuschauen.

»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom.

Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich
nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren,
sondern sagte nur, er wisse es nicht.

»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn
ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; --
vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.«

Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie
etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß
keine Antwort.

Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern,
unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den
Schornsteinen, -- aber vergeblich.

»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem
Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; --
sag' mir nichts, -- bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier
liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder
zwischen ein und zwei Uhr, -- und um vier Uhr war sie fort, und Du hast
die ganze Zeit grade hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt
was drum wissen.«

»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich
wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser
fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist
Alles, was ich weiß davon.«

Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher
erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber
Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn
keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in
seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden,
-- und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen
Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne
ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich
sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der
ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen
mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da
das Weib in einen andern Staat entflohen war, der ~nie~ einen
Flüchtigen wieder ausliefert, -- selbst nicht auf das Verlangen der
glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen
Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper,
nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten.




Dreizehntes Kapitel

Die Quäker-Niederlassung.


Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große,
geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist,
und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem
reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden
Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit
glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner,
niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus
zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand
darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und
mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie
eine freundliche Einladung aussah, -- und endlich ein wirklich bequemer
alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses,
mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in
Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her
wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet -- unsere alte
Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als
sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt
stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und
in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie
alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden
geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge
aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich
einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so sprach sich darin
eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie
früher darin zu erkennen gewesen war.

An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem
Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie
mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht
war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um
sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der
strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin,
welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe
Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte.
Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte
an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern
schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf
der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten
ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte
nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so
guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen
schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen
worden, -- warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen
zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so
verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie
grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte
die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, -- entweder in Folge einer
Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen;
gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er
fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an
jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte
Simeon Halliday erklärte oft, daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei,
und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt
nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil
seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte
Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen
hatten, -- weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, -- geistige
und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, -- und das Alles von
~einer~ guten, liebevollen Frau; -- Gott segne sie!

»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?«
sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte.

»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich
wage nicht zu bleiben.«

»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran
denken, meine Tochter.«

Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's
Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort
»Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien.

Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine
Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit:

»Ich werde -- jede Arbeit unternehmen, die ich finden kann. Ich hoffe,
ich werde Etwas finden.«

»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte
Rachel.

»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« -- auf Harry deutend, -- »ich kann
Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht
träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie
schaudernd hinzu.

»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir
nicht solche Gedanken machen. -- Der Herr hat es gewollt, daß nie ein
Flüchtling aus unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein
Kind wird nicht der erste sein.«

Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem
freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in
das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um
ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag.

»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre
beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, -- »wie geht Dir's?«

»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem
Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf
zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und
Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte,
muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare
waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz
zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich
die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen
hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun
mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper
und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz
erfreut hat.

»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner
Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.«

»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, -- recht sehr,« sagte Ruth, ihr
die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin
gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes
Kind, -- ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu,
indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich
furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen.

»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel.

»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam,
und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu
zeigen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames,
rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam
herein.

»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen,
fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht,
und wie er wächst!«

»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf
ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst
verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann
noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht,
und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um
es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese
Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund
(als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen
eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte,
einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog,
und emsig zu stricken begann.

»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die
Mutter in sanftem Tone.

Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf
den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft
und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die
Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels,
sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer
deponirt.

Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze
vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor
ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen,
daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand.

»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer
Beschäftigung fortfuhr.

»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort,
und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen
Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen;
und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um
sie aus dem Bette zu nehmen.«

»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und
auszubessern ist,« sagte Rachel.

»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood
krank ist. John war gestern Abend da, -- ich will Morgen hingehen.«

»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort
bleiben mußt,« bemerkte Rachel.

»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.«

Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen
Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt
in das Zimmer.

»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in
seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?«

»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter.

»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den
Ofen schob.

»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit ~Freunden~
zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er
seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem
Alkoven an der Küche befindlich war.

»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend.

»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus
dem Alkoven zurückkam.

Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja«
antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß
öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden
sein.

»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu
sich rufend.

»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend,
während sie in den Alkoven ging.

»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend
hier sein,« sagte Simeon.

»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte.

»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in
der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer,
von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem
zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen
Zweifel darüber, wer er ist.«

»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter.

»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, --
komm hierher!«

Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven.

»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei
hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.«

Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach
ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre
kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze
hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben.

»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen
wir es ihr jetzt sagen?«

»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie
würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.«

* * * * *

»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,«
sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend.

»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind
liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es
ihr, -- bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's
Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die
Hühner braten, während Du es ihr sagst.«

Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem
sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in
sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir
Neuigkeiten mitzutheilen.«

Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst,
auf, und blickte auf ihren Knaben.

»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände
ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, -- geh
hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der
Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den
kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen.

»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,«
wiederholte sie immer von Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll
anblickte.

Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel
Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig
gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause««
entflohen.«

Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß
eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte
sie sich nieder.

»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er
ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.«

»Heut Abend!« wiederholte Elisa, -- »heut Abend!« Die Worte verloren
alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um
sie war in Nebel gehüllt.

* * * * *

Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die
kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie
öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit,
wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und
sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung
der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab
nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl
von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort
lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie
in stillem Traume, den Bewegungen der sie Umgebenden. Sie sah die
Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch
mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des
Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und
Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry
ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine
Locken um ihre weißen Finger zu rollen.

Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an
ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und
fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren,
braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, --
sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von
Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten.
Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, --
sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen
Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise,
murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch
der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem
süßen Traume von Ruhe; -- und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie
nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind
aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte.

Sie träumte von einer schönen Gegend, -- einem Lande der Ruhe, wie
es ihr schien, -- grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem
Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr
zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies,
glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie
näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen
fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! -- Es war kein Traum. Das
Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an
ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und -- ihr Gatte
kniete schluchzend an ihrem Bette.

* * * * *

Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause.
»Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und
Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu
machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer
Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn
in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung
eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während
deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und
Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee
mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und
bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art
sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer
Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte,
so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!«
genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger
haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler
Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen
würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor
Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir
halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit.

Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon
der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen
Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des
Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so
gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; -- es schien einem
Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über
dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel
gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit
ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen,
herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn
ihnen Alles wie ein Traum erschien.

Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen
blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene
Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah
Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich
auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit
und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit
Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als
wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen.

Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen
Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er
verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles
dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser
einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine
Heimath, -- eine Heimath, -- ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch
nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen
in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während
dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und
wilde Verzweiflung vor dem Lichte des lebendigen Evangeliums hinweg
schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm
sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten
Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht
in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden.

»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?«
fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich.

»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig.

»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?«

»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?«
fragte Simeon lächelnd.

»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht
eine Schande, solche Gesetze zu geben?«

»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte
der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür
eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.«

»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der
eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen
Reformatoren.

»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat
Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter
wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür
brächte.«

Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und
sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein
Vater werden.«

»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben keinen
Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig.

»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen.
Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen
wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.«

»Aber um ~meinethalben~,« sagte Georg, »ich könnte es nicht
ertragen.«

»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen,
sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte
Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig
aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher
weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, -- Dich und die Uebrigen
Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen
nicht zaudern.«

»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte
Georg.

»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier
ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht
zu reisen.«




Vierzehntes Kapitel.

Evangeline.


Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie
verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung
schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie
gestörte Einsamkeit, und durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und
Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine
Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist.
Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den
Reichthum eines ähnlichen Landes zu? -- eines Landes, dessen Produkte
Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt!
Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen,
sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein
Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer
ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch
schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die
Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden
Herzen zu einem unbekannten Gotte, -- unbekannt, ungesehen, und
ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle
Leidenden zu erlösen.«

Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der
meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die
hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses,
glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff
seinen Lauf verfolgt.

Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen
Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der
Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben,
bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf
seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern
bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke,
in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen
finden wir ihn endlich.

Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte
gute Meinung, und hauptsächlich durch sein eignes ruhiges und
harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen
abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht,
und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die
unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen
hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben,
und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf
Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu
gehen, wohin er wollte.

Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den
Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine
Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute
erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu
leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer
Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte.

Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel
zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte
sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden
wir ihn grade jetzt.

Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes
höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen
zwischen +levées+ von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem
Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden
Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb,
in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens
vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven
bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer
Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des
Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete
sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky,
mit seinen alten, schattigen Buchen, -- nach dem Hause seines Herrn,
mit den weiten, kühlen Hallen, -- und dicht dabei seine kleine Hütte,
mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten
Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren;
er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er
hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen
seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, -- und dann war mit einem Male
Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen
der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und
Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode
seines Lebens für immer dahin sei.

In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und
sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben,
-- die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn
trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen
Wortes oder Zeichens.

Kann man sich dann wundern, daß einige Thränen auf die Seiten seiner
Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor
sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort
geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter
angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging
nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher
Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte,
ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren
konnte, -- ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken
massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist
den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen
Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort seinen Finger besonders
legend, und es halb aussprechend, lies't:

»Euer -- Herz -- erschrecke -- nicht. In -- meines -- Vaters -- Hause
-- sind -- viele -- Wohnungen. Ich -- gehe, -- Euch -- die -- Stätte
-- zu -- bereiten.«

Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein
Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, --
vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero
konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und
keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn
er diese Worte gesehen hätte, -- zehn gegen eins -- er würde ihnen
nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die
Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen
beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er
es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit
eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam.

Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen
von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene
Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden,
die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben
würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von
den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg
vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch
starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche
seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese
Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den
verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten,
seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die
Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während
sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere
häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm
seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie
die Verheißung eines zukünftigen zu sein.

Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von
bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte,
und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine
Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in
verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter
ihrer besondern Aufsicht zu haben schien.

Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, -- denn es war eins
jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so
wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine
Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht
wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in
ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer
Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und
allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen,
dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge,
als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel,
der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte,
Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres
Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune
Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle
Ernst ihrer veilchenblauen Augen, -- Alles zeichnete sie von andern
Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie
auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine
weder ein ernstes, noch trauriges Kind. Im Gegentheile schien ein
lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern
im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen
Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte
eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem,
nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für
sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren
fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie
sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen;
und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was
sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem
ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten
gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder
beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und
oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo
ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten.

Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß
und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte,
beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien
sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener
Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen
Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf
ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen
Testamente hervortreten.

Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und
Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten
und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten,
oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und
schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder entfernte. Oefters
auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk,
Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und
dann wieder verschwand.

Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige
Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er
kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und
beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte
niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske
Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark
schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und
Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen
magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder
seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und
Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu
einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen.

Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie
vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie
ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer
Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten
Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen
Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger
Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her.

»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug
vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen.

»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle
Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?«

»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich immer Onkel Tom zu
nennen, weit von hier, in Kentucky.«

»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich
lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?«

»Ich weiß nicht, Miß Eva.«

»Du weißt nicht?« sagte Eva.

»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an
wen.«

»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich
kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum
bitten.«

»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom.

Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz
einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf
ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen
des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei
beschäftigt.

Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren
vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei
Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des
Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das
Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er
that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden
hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine
kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war.

Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie
hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war
im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust,
wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis
sie nach wenigen Momenten wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie
dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes
und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm
entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug
sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich
in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein
lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am
meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des
Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern.

* * * * *

Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe
von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig
eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die
Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt
und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches
Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu
poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten.

Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen
Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine
Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich
die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber
sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein
junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben
ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen
Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen vor ihm lag.
Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn
dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe
golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde;
und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem
Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und
Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks;
Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser
Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und
etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen
Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit
sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer,
halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge
die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt
wurde.

»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko,
vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter
Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte,
wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich
betrügen? Heraus damit!«

»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den
Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, -- grade nur,
mein' Seel!«

»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit
spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn
mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?«

»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm
gefunden zu haben, -- und natürlich genug.«

»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit in Anspruch. Also,
um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt
Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein
besonderes Gefallen an ihm hat?«

»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an,
-- die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die
hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können.
Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon
viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen
Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, -- ich
kann's Ihnen zeigen, -- natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben
Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen,
-- hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.«

»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete
der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut
nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon,
oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte,
Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.«

»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber
ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß
er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine
gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er
her kommt.«

»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine
Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble
Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.«

»Sie wollen Scherz machen!«

»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten ausgegeben? Ist
er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere
sehen.«

Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner
Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei
am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er
vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige
Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und
begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge
Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene
muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute.

»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,«
flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm
um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß
es. Ich möchte ihn gerne haben.«

»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?«

»Ich will ihn glücklich machen.«

»Ein origineller Grund, in der That.«

Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby
unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen
Finger berührte, und nachlässig überblickte.

»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich
bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er
hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte;
»das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen
weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den
Wahlen haben, -- solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und
Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich
weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe
seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen, um zu wissen, was mit zu
machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion
an?«

»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber
's ist doch ~Verstand~ in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein
Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, -- wie
die Brüder, und dann die Singer und Schreier; -- die alle taugen
nichts, in Weiß oder Schwarz; -- aber diese Art ist wirklich. Hab'
sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, -- die wirklichen sanften,
stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht
verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen
ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.«

»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein
Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich
~diese~ Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche
da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, --
nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür
zu geben. Was meint Ihr?«

»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke
mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.«

»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und
darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten
nöthig hat, -- nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er
sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer
Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die
Noten einhändigte.

»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog
Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er
nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab.

»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während er das Papier
überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt
und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für
eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel
für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott,
ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! -- Aber
komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das
Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das
Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte:

»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!«

Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche,
hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte
die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde
antwortete: »Gott segne Sie, Master!«

»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? -- Tom? Kannst Du mit
Pferden umgehen, Tom?«

»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele
Pferde auf.«

»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß
Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in
besonderen Fällen, Tom.«

Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke
nie, Master.«

»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen.
Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust.
Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er
sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du
den Willen hast, ordentlich zu sein.«

»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom.

»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu. »Papa ist sehr gut
gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.«

»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare,
während er sich lachend umwandte und fortging.




Fünfzehntes Kapitel.

Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.


Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen
verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen
etwas näher bekannt zu machen.

Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana.
Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die
in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich
der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während
der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's
Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der
Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war.
Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da
Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution
ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter
mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach Vermont gesendet worden, um
seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's
zu stärken.

In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche
Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen
Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines
eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog
diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters,
und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im
Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren
ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale
und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich
bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens.
Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete
sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für
alles Romantische. Seine Stunde schlug, -- die Stunde, die nur einmal
schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, -- der Stern, der so oft
vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht
wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter
zu verfolgen, -- er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen,
schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit
ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen,
kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger
Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück
gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes
versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder
zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein
werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte
er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch
eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen zu können. Zu stolz,
eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf
einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der
erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die
nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte
einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der
runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt
ihn für glücklich.

Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen
glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain
um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl
bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er
sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung
und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm
so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch
so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer
Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später
war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete
er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und
überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung
der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes
ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne
desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich
ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe,
bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre
Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich
den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt
habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und
Versicherungen ewiger Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen
Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf:

»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, -- aber zu spät. Ich glaubte
Alles, was mir gesagt wurde; -- ich war verzweifelt. Ich bin
~verheirathet~, und Alles ist nun vorbei. Vergessen -- ist das
Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.«

Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber
das ~Wirkliche~ blieb ihm, -- das Wirkliche, gleich dem Schlamme
der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen
Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der
Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, --
entsetzlich wirklich.

In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben,
-- und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht
gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht.
Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig,
der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen,
Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter
»~leben~« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig.
Wäre seine Frau ein ~ganzes~ Weib gewesen, so hätte sie viel thun
können, -- wie ein Weib es kann, -- um die zerrissenen Lebensfäden zu
heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein
Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren.
Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt,
einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine
dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken
Geiste Linderung zu verschaffen.

Als Augustin, blaß wie der Tod, auf dem Sopha liegend gefunden wurde,
und plötzlichen Kopfschmerz als Ursache seiner Verstörung vorschützte,
empfahl sie ihm auf Hirschhorn zu riechen; und als die Blässe und die
Kopfschmerzen eine Woche nach der andern wiederkehrten, sagte sie
nur, daß sie nimmer geglaubt habe, daß Mr. St. Clare so kränklich
sei; aber daß es scheine, er sei sehr mit Unwohlsein und Kopfschmerz
behaftet, und daß dies für sie ein höchst unglücklicher Umstand sei,
da er deshalb kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Gesellschaft zu
gehen, und es für sie so sonderbar erscheine, so oft allein zu gehen,
nachdem sie so kurze Zeit verheirathet seien. Augustin war froh im
Herzen, daß er ein so wenig scharfsichtiges Frauenzimmer geheirathet
hatte; allein als der Flitter und die Höflichkeiten der ersten Wochen
vorüber waren, fing er an die Erfahrung zu machen, daß eine hübsche,
junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nichts gethan hatte, als sich
hätscheln und aufwarten lassen, eine recht gestrenge Herrin abgeben
könne. Marie war nie irgend einer Art Zuneigung besonders fähig
gewesen; hatte nie viel Gefühl besessen; und das Wenige, das sie besaß,
war in die unergründlichste Selbstsucht zusammen geflossen. Von früher
Jugend an war sie von Dienern umgeben gewesen, die keinen andern
Lebenszweck kannten, als den, ihre Grillen und Launen zu studiren;
und der Gedanke, daß diese Geschöpfe Gefühle oder Rechte haben
könnten, war nie in ihrem Geiste in fernster Ferne aufgedämmert. Ihr
Vater, dessen einziges Kind sie war, hatte ihr niemals etwas versagt,
was im Bereiche menschlicher Möglichkeit lag; und als sie, schön,
vollendet, eine Erbin, in das Leben eintrat, lagen natürlicher Weise
alle Wählbaren und Nichtwählbaren des andern Geschlechts seufzend zu
ihren Füßen, und sie hegte daher keinen Zweifel darüber, daß Augustin
ein außerordentlich glücklicher Mann um deshalb zu nennen sei, daß
er ihren Besitz erlangt habe. Es ist ein großer Irrthum, anzunehmen,
daß ein Weib, welches selbst kein Herz besitzt, ein nachsichtiger
Gläubiger im Austausche der Empfindungen sei. Es gibt auf Erden keinen
unbarmherzigeren Erpresser von Liebe gegen Andere, als ein durchaus
selbstsüchtiges Weib; und je unliebenswürdiger sie selbst wird, desto
eifersüchtiger verlangt sie Liebe. Als St. Clare deshalb begann mit
den kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien nachzulassen, die während
der Dauer der ersten Werbungen eingeführt worden waren, fand er seine
Sultana nichts weniger als geneigt, ihren Sklaven zu entlassen. Es
folgten reichliche Thränen, Schmollen, kleine Stürme und Vorwürfe. St.
Clare war gutmüthig und nachsichtig und suchte durch Geschenke und
Schmeicheleien wieder gut zu machen; und als Marie Mutter einer schönen
Tochter wurde, fühlte er wirklich eine Zeit lang eine Art Zärtlichkeit
in sich rege werden.

St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlich hohem Geiste und
reinem Charakter gewesen, und er gab deshalb diesem Kinde ihren Namen,
in der süßen Hoffnung, daß es ein Nachbild derselben werden werde.
Dieser Umstand wurde von seiner Frau mit eifersüchtigem Spotte gerügt,
und selbst die hingebende Liebe des Vaters zum Kinde erweckte in
ihr Mißtrauen und Unmuth, weil Alles, was dem Kinde zufloß, ihr in
demselben Grade entzogen zu werden schien. Seit der Geburt des Kindes
war ihre Gesundheit allmählig gesunken. Ein Leben von fortwährend
geistiger und körperlicher Unthätigkeit, unaufhörliche Langeweile und
Unzufriedenheit in Verbindung mit der gewöhnlichen Schwäche, welche das
Mutterwerden zu Folge hat, verwandelten in wenigen Jahren die blühende,
junge Schöne in eine gelbe, verwelkte, kränkliche Frau, die fortwährend
an den verschiedenartigsten eingebildeten Krankheiten litt, und sich in
jeder Beziehung als das am meisten gemißhandelte und leidende Wesen in
der Natur ansah.

Da unter diesen Umständen die ganze häusliche Verwaltung in die Hände
der Dienstboten fiel, so fühlte sich St. Clare in seiner Wirthschaft
nichts weniger als behaglich. Seine einzige Tochter war außerordentlich
zart und schwächlich, und er fürchtete, daß wenn dieselbe keine andere
Aufsicht und Wartung genießen könne, ihre Gesundheit und sogar ihr
Leben ein Opfer der mütterlichen Unthätigkeit werden könne. Er hatte
sie mit sich auf eine Reise nach Vermont genommen, und dort seine
Cousine, Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihm nach seiner südlichen
Heimath zu gehen; und Beide sind gerade jetzt in dem Dampfboote, auf
dem wir sie kennen gelernt haben, auf ihrer Reise dahin begriffen.

Und nun, während die fernen Dome und Thürme von New-Orleans vor
unsern Blicken aufsteigen, haben wir gerade noch Zeit, die nähere
Bekanntschaft Miß Ophelia's zu machen.

Wer die Staaten von Neu-England durchreist hat, wird sich vielleicht
erinnern, in einem kühl belegenen Dorfe ein großes Farmgebäude
wahrgenommen zu haben, dessen reingekehrter, grasiger Hof vom dichten
Laubdache des Zuckerahorn's beschattet ist, und wird die Stille,
Ordnung und durch nichts gestörte Ruhe bemerkt haben, die über dem
Ganzen zu schweben scheint. Nichts ist hier in Unordnung, nichts
geht hier verloren; nicht ein Pflock fehlt im Gartenzaune, und kein
Strohhalm ist auf dem Rasen des Hofes zu sehen, auf dem dichte
Gebüsche Hollunder unter den Fenstern des Gebäudes wachsen. Innerhalb
desselben befinden sich große, weite Gemächer, in denen dieselbe
Ruhe herrscht, wo Alles seinen streng angewiesenen Platz hat, und
alle häuslichen Verrichtungen sich ebenso pünktlich reguliren, wie
die alte, in der Ecke hängende Wanduhr. Im »Familienzimmer,« wie es
genannt wird, steht der ernste, ehrwürdige, alte Bücherschrank, mit
seinen Glasthüren, in welchem sich Rollin's Geschichte, Milton's
verlorenes Paradies, Scott's Familien-Bibel, und viele andere, gleich
ehrwürdige Bücher neben einander befinden. Dienstboten werden im
Hause nicht gehalten; sondern die Dame in der weißen Mütze, mit der
Brille, die jeden Nachmittag im Kreise ihrer Töchter, mit Nähen
beschäftigt, sitzt, als wenn nie etwas von ihnen gethan worden wäre,
oder überhaupt zu thun wäre, -- sie und ihre Töchter hatten in einem
lange vergessenen, früheren Theile des Tages »das Werk gethan,« der
Fußboden der alten Küche war nie beschmutzt, nie waren Flecken da zu
sehen; die Tische, Stühle, und die verschiedenen Küchengeräthschaften
waren nie in Unordnung, obgleich täglich drei und zuweilen vier
Mahlzeiten zubereitet, obgleich alles Waschen und Plätten der Familie
dort vorgenommen wurde, und obgleich zahlreiche Pfunde Butter und Käse
daselbst, in irgend einer geheimen, mysteriösen Weise ihre Existenz
erlangten.

Auf solcher Farm, in solchem Hause, in solcher Familie hatte Miß
Ophelia eine ruhige Existenz von ungefähr fünf und vierzig Jahren
zugebracht, als ihr Vetter sie einlud, mit ihm nach seiner Besitzung
im Süden zu gehen. Obgleich die Aelteste einer großen Familie, wurde
sie von Vater und Mutter doch immer noch als eines der »Kinder«
angesehen, und der Vorschlag, nach Orleans zu gehen, war für den
ganzen Familienkreis ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Der
alte, greise Vater holte Morse's Atlas aus dem Bücherschranke hervor
und suchte mit Genauigkeit den Längen- und Breitegrad auf, und las
Flint's Reisen im Süden und Westen, um eine klare Vorstellung von der
klimatischen Beschaffenheit der dortigen Gegend zu erlangen. Die gute
Mutter fragte ängstlich, »ob Orleans nicht ein sehr verderbter Ort
sei,« und bemerkte, »daß es ihr nicht besser vorkäme, als nach den
Sandwich-Inseln oder irgend einer andern heidnischen Gegend zu gehen.«

Es war beim Geistlichen, und beim Doktor, und in Miß Peabody's
Putzmacherladen bekannt geworden, daß Ophelia St. Clare »davon
spreche,« mit ihrem Vetter nach New-Orleans gehen zu wollen, und
das ganze Dorf konnte natürlicher Weise nichts anderes thun, als in
diesem wichtigen Prozesse des »Besprechens« behülflich zu sein. Der
Geistliche, welcher sich stark zu abolistischen Ansichten hinneigte,
hegte große Zweifel darüber, ob ein solcher Schritt nicht dahin führen
könne, die Südländer in ihrem Festhalten an dem Sklavensysteme zu
bestärken; während der Doktor sich mehr für die Ansicht bestimmte, daß
Miß Ophelia gehen sollte, um den Einwohnern von Orleans zu zeigen, daß
die Bewohner der nördlichen Staaten dennoch nicht so schlimm von ihnen
dächten. Als nun aber der Umstand, daß sie sich wirklich entschlossen
hatte zu gehen, vollständig und allgemein bekannt geworden war,
wurde sie vierzehn Tage lang bei allen ihren Freunden und Nachbarn
feierlichst zum Thee eingeladen, wo dann eine gehörige Prüfung und
Besprechung aller ihrer Pläne und Aussichten statt fand. Miß Moseley,
welche das Haus zu besuchen pflegte, um bei der Anfertigung und
Ausbesserung der Kleidungsstücke für die Familie Hülfe zu leisten,
verlangte täglich neue und wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit
der für Miß Ophelia ausgestatteten Garderobe. Es war glaubwürdig in
Erfahrung gebracht worden, daß Squire St. Clare, ihr Vater, fünfzig
Dollar abgezählt und Miß Ophelien mit dem Auftrage gegeben hatte, sich
dafür anzuschaffen, was sie für zweckmäßig erachte; und daß zwei neue
seidene Kleider, nebst einem Hute, von Boston verschrieben worden
seien. Ueber die Angemessenheit einer so bedeutenden Ausgabe war die
öffentliche Meinung sehr getheilt, indem Einige der Ansicht waren, daß
es wohl erlaubt sei, so etwas einmal im Leben zu thun, wogegen Andere
behaupteten, daß es zweckmäßiger gewesen wäre, das Geld den Missionären
zuzusenden. Alle indessen waren darin einverstanden, daß ein solcher
Sonnenschirm, wie der von New-York gesandte war, noch nie in dem Theile
Amerikas gesehen worden sei; und daß Miß Ophelia einen seidenen
Anzug besitze, der, was auch immer über sie selbst gesagt werden
möge, entschieden allein stehen könne. Es ging auch ein Gerücht von
gestickten Taschentüchern, und Einige gingen sogar so weit, von einem
mit Spitzen besetzten Tuche derselben Art zu sprechen, -- allein dieser
Umstand ist nie gehörig ins Licht gesetzt worden und bleibt deshalb bis
jetzt noch unentschieden.

Miß Ophelia, wie Du sie jetzt siehst, lieber Leser, steht in einem
glänzenden, braunen, leinenen Reisekleide vor Dir, groß, stark gebaut,
und eckig. Ihr Gesicht war mager, und hatte scharfe Züge; ihre Lippen
waren eng geschlossen, wie die einer Person, welche gewohnt ist,
in allen Verhältnissen entschiedener Meinung zu sein, während ihre
scharfen, dunklen Augen einen besonders prüfenden, bedächtigen Ausdruck
hatten.

Alle ihre Bewegungen waren scharf, entschieden und energisch; und
obgleich man sie nie viel sprechen hörte, so waren ihre Aeußerungen
doch stets passend und treffend, sobald sie sprach. In ihren
Gewohnheiten war sie eine lebendige Versinnlichung von Ordnung und
Genauigkeit. In Bezug auf Pünktlichkeit war sie so zuverlässig wie eine
Wanduhr, und so unerbittlich wie eine Lokomotive; und Alles, was dem
zuwider war, erschien ihr als ein Gegenstand der tiefsten Verachtung.

Die größte Sünde aller Sünden, in ihren Augen, -- die Summe aller Uebel
-- drückte sie durch ein in ihrem Wörterbuche sehr gewöhnliches und
sehr bedeutungsvolles Wort aus: -- »Zwecklosigkeit.« Der Ausdruck ihrer
tiefsten Verachtung bestand in einer sehr nachdrücklichen Betonung des
Wortes »zwecklos;« worunter sie jede Art von Handlungsweise verstand,
welche nicht in directer Beziehung zu dem Streben nach einem bestimmt
vorgesteckten Ziele und dessen Erreichung stand. Leute, welche nichts
thaten, oder sich nicht deutlich dessen bewußt waren, was sie thaten
oder thun sollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung
ihrer Zwecke einschlugen, waren Gegenstände ihrer völligen Verachtung,
die sie seltener durch Worte als durch eine Art steinernen Grimmes
ausdrückte, als halte sie es nicht der Mühe werth, irgend etwas darüber
zu sagen.

Was intellektuelle Ausbildung betraf, so besaß sie einen klaren,
kräftigen, thätigen Geist, war gründlich belesen in Geschichte und den
älteren englischen Klassikern, und dachte mit großer Schärfe innerhalb
gewisser, enger Gränzen. Ihre theologischen Grundsätze waren alle
fertig, mit deutlicher Ueberschrift versehen, und auf die Seite gelegt
grade so wie die Bündel in ihrem Flickenkasten. So und so viel waren es
an der Zahl, und durften nie mehr werden. Von derselben Beschaffenheit
waren meistentheils ihre Ideen über Gegenstände des praktischen
Lebens, wie Haushaltung in allen ihren Zweigen, und die verschiedenen
politischen Verhältnisse ihres Geburtsdorfes. Und allem diesem lag
tiefer und breiter als irgend ein anderes Gefühl das stärkste Princip
ihrer ganzen Existenz -- Gewissenhaftigkeit zu Grunde. Sie war die
absolute Sklavin des Wortes »muß.« Sobald sie sich einmal überzeugt
hatte, daß der Weg der Pflicht, wie sie es gewöhnlich nannte, in einer
bestimmten Richtung liege, so konnte sie weder Feuer noch Wasser davon
zurückhalten. Sie würde geraden Weg's in einen Brunnen oder auf den
Mund einer geladenen Kanone zu gegangen sein, wenn sie dessen gewiß
gewesen wäre, daß der Weg der Pflicht in dieser Richtung liege. Die
Fahne des Rechten stand bei ihr so hoch, war so allumfassend, und hatte
so wenig Nachsicht mit menschlicher Gebrechlichkeit, daß, obgleich sie
mit heroischem Muthe darnach strebte, sie zu erreichen, es ihr dennoch
nie wirklich gelang, und sie deshalb fortwährend von dem quälenden
Gefühle der Ohnmacht gedrückt war, was einen ernsten und zuweilen
düstern Schatten über ihren religiösen Charakter warf.

Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare gehen?
-- dem fröhlichen, leichten, unpünktlichen, unpraktischen, ungläubigen
jungen Manne, der ihre heiligsten Gewohnheiten und Meinungen mit
leichter, unverschämter Freiheit behandelte?

Um denn die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein
Knabe war, hatte es ihr obgelegen, ihm den Katechismus zu lehren, seine
Kleider auszubessern, sein Haar zu kämmen, und ihn im Allgemeinen für
den Weg zu erziehen, den er gehen sollte: und da ihr Herz warmes Gefühl
besaß, so hatte Augustin, wie er es gewöhnlich mit den Leuten machte,
einen bedeutenden Theil davon für sich selbst in Anspruch genommen, und
fand deshalb jetzt keine große Schwierigkeit, sie davon zu überzeugen,
daß »der Weg der Pflicht« in der Richtung nach New-Orleans liege, und
daß sie mit ihm gehen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen, und
seine ganze Wirthschaft dagegen zu wahren, daß sie nicht während der
fortwährenden Krankheit seiner Frau gänzlich zu Grunde gehe. Die Idee
eines Haushaltes ohne Aufsicht darin ging ihr zu Herzen; und dann
liebte sie das liebenswürdige kleine Mädchen, wie es fast alle thun
mußten; und obgleich sie Augustin selbst als einen halben Heiden ansah,
so liebte sie ihn dennoch, lachte über seine Scherze und ertrug seine
Fehler mit einer Gelassenheit, welche Diejenigen, die ihn kannten, für
unmöglich hielten. Allein was weiter über Miß Ophelia zu hören und zu
lernen ist, muß der Leser in einer persönlichen Bekanntschaft mit ihr
selbst entdecken.

Dort sitzt sie nun in ihrem Staatszimmer, umgeben von einer bunten
Menge großer und kleiner Reisetaschen, Kisten und Körben, die sie mit
großem Ernste zusammen bindet und zu befestigen sucht.

»Nun, Eva, hast Du Deine Sachen in Ordnung? Natürlich nicht, -- wie
Kinder immer. Da ist die gefleckte Reisetasche und die kleine blaue
Bandschachtel mit Deiner besten Haube, -- das sind zwei; und hier die
Bücherkiste, sind drei; und meine Wachs- und Nadelschachtel, sind vier;
und meine Bandschachtel, fünf; und meine Kragenschachtel, sechs; und
der kleine Koffer dort, sieben. Was hast Du mit Deinem Sonnenschirm
gemacht? Gieb ihn mir, ich will ihn in Papier einwickeln, und mit
meinem Regenschirm und Parasol zusammenbinden; -- so, nun ist's recht.«

»Aber, Tante, wir gehen ja nur nach Hause, -- wozu denn das?« fragte
Eva.

»Um sie in gutem Stande zu erhalten, Kind. Man muß seine Sachen in Acht
nehmen, wenn man je was haben will. Hast Du Deinen Fingerhut nicht
eingepackt, Eva?«

»Ich weiß wahrlich nicht, Tante.«

»Gut, laß mich Deinen Nähkasten übersehen; Fingerhut, Wachs, Scheere,
Rollen, Messer, -- richtig. Stelle ihn hier hinein. Was hast Du denn
nur gemacht, Kind, wenn Du mit Deinem Papa allein gereist bist? Ich
sollte denken, Du müßtest Alles verloren haben.«

»Ja, Tante, ich habe freilich viele Sachen verloren; aber wenn wir
irgendwo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was mir fehlte.«

»Gott sei uns gnädig, Kind, was ist das für ein Weg?«

»Es war ein sehr bequemer Weg, Tante,« sagte Eva.

»Ein schrecklich zweckloser,« entgegnete die Tante.

»Was willst Du denn nun thun, Tante?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu
voll, um zugemacht werden zu können.«

»Er ~muß~ zugemacht werden,« sagte die Tante mit einer
Generalsmiene, während sie die Sachen hinein drückte, und auf den
Deckel sprang; allein dessen ungeachtet blieb eine kleine Oeffnung des
Koffers sichtbar.

»Spring hier herauf, Eva!« rief Miß Ophelia muthig; »was gethan worden
ist, muß wieder gethan werden können: der Koffer muß sich schließen
lassen.«

Und der Koffer, ohne Zweifel erschreckt durch diese entschlossene
Willenserklärung gab nach, das Schloß schnappte ein, und Miß Ophelia
steckte triumphirend den Schlüssel in die Tasche.

»Jetzt sind wir fertig. Wo ist Dein Papa? Ich denke, es ist Zeit, daß
das Gepäck hinauf gebracht werde. Sieh' zu, Eva, suche Deinen Papa.«

»O ja, ich weiß, er ist am andern Ende der Herrenkajüte; und ißt eine
Orange.«

»Er wird es nicht wissen, wie nahe wir der Landung sind,« sagte die
Tante; »wäre es nicht besser, wenn Du zu ihm liefest, und es ihm
sagtest?«

»Papa ist nie in großer Eile,« bemerkte Eva, »und wir sind ja noch
nicht am Ufer. Komme hier an das Geländer, Tante! Sieh', dort ist unser
Haus, jene Straße dort hinauf!«

Jetzt begann das Dampfboot, gleich einem müden Ungeheuer, sich
mit schwerem Stöhnen langsam zwischen die übrigen Fahrzeuge der
+levée+ hinein zu schieben, während Eva fröhlich die verschiedenen
Thurmspitzen, Kuppeln und sonstigen Zeichen aufsuchte, an denen sie
ihre Geburtsstadt erkannte.

»Ja, ja, liebes Kind; ist Alles sehr schön,« sagte Miß Ophelia; »aber,
Himmel, das Boot hält schon an, wo ist denn nur Dein Vater?«

Und nun folgte die gewöhnliche Unruhe des Landens: -- Kellner flogen
hin und wieder, Träger schleppten Koffer, Kisten und Reisetaschen,
Frauen riefen ängstlich nach ihren Kindern, und Alles drängte sich in
dichter Menge dem Orte des Aussteigens zu.

Miß Ophelia ließ sich entschlossen auf den eben erst besiegten Koffer
nieder, stellte alle ihre Kisten und Schachteln in militärischer
Ordnung auf, und schien festen Willens zu sein, diese bis zum letzten
Augenblicke zu vertheidigen.

»Soll ich diesen Koffer nehmen, Madame?« -- »Soll ich Ihr Gepäck
tragen? -- Erlauben Sie mir Ihre Effekten zu befördern, Missis?« --
regnete es unaufhörlich auf sie nieder. Allein sie saß mit grimmiger
Entschlossenheit da, aufrecht wie eine Stopfnadel in einem Nähkissen,
hielt ihr Bündel von Regen- und Sonnenschirmen fest an sich, und
antwortete mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst Lastträger sich
dadurch einschüchtern ließen, während sie von Zeit zu Zeit gegen Eva
ihrer Unruhe und Verwunderung in wiederholten Ausrufungen Luft machte,
wie: »wo in aller Welt nur ihr Vater sein könne! er werde doch nicht
über Bord gefallen sein, -- aber irgend Etwas müsse geschehen sein!«
und grade als ihre Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, kam er in
seiner gewöhnlichen sorglosen Weise daher geschlendert, gab Eva einen
Theil der Orange, welche er verzehrte, und sagte:

»Nun, Cousine Vermont, Du bist wohl schon ganz fertig?«

»Ich bin fertig und warte schon seit beinahe einer Stunde,« sagte Miß
Ophelia; »ich fing an, wirklich unruhig um Dich zu werden.«

»Da, das ist ein gescheidter Bursche!« sagte er. »Der Wagen wartet auf
uns. Nun kann man doch anständig und christlich an's Land gehen, ohne
hin und her gestoßen zu werden. Hier,« fügte er zu einem hinter ihm
stehenden Träger gewendet hinzu: »Nehmt diese Sachen!«

»Ich will mitgehen, und sehen, daß sie richtig aufgepackt werden,«
bemerkte Miß Ophelia.

»Ah was, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.

»Gut, so will ich wenigstens dies hier, und das, und das tragen,«
entgegnete Ophelia, indem sie drei kleine Kisten und eine Reisetasche
aussuchte.

»Meine liebe Miß Vermont, Du mußt nicht über die »grünen Berge« so
zu uns kommen; Du mußt wenigstens etwas von unsern südlichen Maximen
annehmen, und nicht unter einer solchen Last gehen. Man wird Dich für
ein Kammermädchen halten. Gib die Sachen diesem Manne hier, er wird sie
aufladen, als wenn es Eier wären.«

Miß Ophelia sah verzweiflungsvoll zu, als ihr Vetter ihr alle ihre
Schätze abnahm, und war endlich froh, sich wieder vereint mit ihnen,
und ohne daß sie Schaden gelitten hatten, im Wagen zu befinden.

»Wo ist Tom?« fragte Eva.

»Er sitzt auf dem Bocke, Kätzchen. Ich will Tom der Mutter als ein
Sühnopfer für den betrunkenen Burschen bringen, der neulich den Wagen
umwerfen ließ.«

»O, Tom wird gewiß ein vortrefflicher Kutscher sein,« sagte Eva, »er
wird sich nie betrinken.«

Der Wagen hielt vor einem alten, herrschaftlichen Gebäude an, welches
in jenem sonderbar gemischtem, halb spanischem, halb französischen
Style gebaut war, der jetzt noch in einzelnen Häusern zu New-Orleans
zu finden ist. Es war im maurischen Geschmacke errichtet, und bildete
ein Viereck, welches einen Hof umschloß, in welchen der Wagen durch
ein gewölbtes Portal einfuhr. Die Einrichtung des Hofes war üppig
und malerisch. Weite Galerien liefen an den vier Seiten des Gebäudes
entlang, deren gewölbte Bogen, schlanke Säulen und Arabesken den
Geist, wie im Traume, in die Zeit der Herrschaft des Orients in
Spanien zurück trugen. In der Mitte des Hofes warf ein Springbrunnen
seine silbernen Wasserstrahlen hoch in die Luft, und ließ sie sodann
unter ewigem Schaume in ein Marmorbecken zurückfallen, dessen Rand
mit einem dichten Kranze blühender Veilchen umgeben war. Das Wasser
in dem Springbrunnen, klar wie Krystall, war von Myriaden Gold- und
Silberfischen belebt, die gleich eben so vielen lebendigen Juwelen
darin hin- und herschossen. Rings um den Brunnen lief ein Fußweg
mit einem in Mosaik gelegten Pflaster; und dieser war wieder vom
sanftesten, grünen Rasen eingefaßt, während ein Fahrweg die ganze
Anlage umschloß. Zwei große Orangenbäume, grade jetzt blühend, warfen
einen köstlichen Schatten; und rings umher, auf dem Rasen, standen
in einem Halbkreise zahlreiche Marmorvasen, welche die seltensten
tropischen Pflanzen enthielten. Riesige Granatenbäume, mit ihren
glänzenden Blättern und feuerfarbigen Blüthen, dunkelblätteriger
arabischer Jasmin, Geranium und Rosenbäume, die sich unter der Last
ihres Blüthenüberflusses senkten, -- Alles vereinte hier Blüthenpracht
und Duft, während hie und da eine geheimnißvolle, alte Aloe, mit ihren
sonderbaren, schweren Blättern, gleich einem alten, greisen Zauberer,
unter Blüthen und Duft von vergänglicherer Natur saß.

Als der Wagen hineinfuhr, schien Eva im wilden Eifer ihrer Freude
gleich einem Vogel aus dem Käfig fliegen zu wollen.

»O, ist sie nicht schön, reizend, meine liebe, theure Heimath?« sagte
sie zu Miß Ophelia. »Ist es nicht wunderschön hier?«

»Es ist hier sehr schön,« sagte Ophelia, während sie ausstieg, »aber es
kommt mir beinahe etwas alt und heidnisch vor.«

Tom stieg vom Wagen ab, und schaute sich mit einer Miene stiller,
stummer Verwunderung um. Der Neger ist, wie bekannt, ein exotisches
Erzeugniß der üppigsten Gegenden der Erde, und trägt deshalb in seinem
Herzen eine tiefwurzelnde Neigung für alles Prächtige, Ueppige, die
Phantasie Ansprechende, -- eine Neigung, die, wenn sie bei einem
ungeregelten Geschmacke ihren natürlichen, wilden Lauf verfolgt, dem
kälteren, gebildeteren weißen Geschlechte lächerlich erscheint.

St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Wollüstling war,
lächelte über Miß Ophelias Bemerkung, und wandte sich zu Tom um, dessen
schwarzes Gesicht vor Staunen und Wonne förmlich strahlte, indem er zu
ihm sagte:

»Tom, mein Junge, das scheint Dir zu gefallen.«

»Ja, Master,« sagte Tom, »das ist das Rechte!«

Alles dies geschah in einem Augenblicke, während das Abladen des
Gepäckes vor sich ging, der Lohnfuhrmann bezahlt wurde, und eine Menge
von Männern, Weibern und Kindern, von jedem Alter und jeder Größe,
durch die Gallerien von allen Richtungen herbei gelaufen kamen, um
Master ankommen zu sehen. An der Spitze von Allen stand ein junger
Mulatte in sehr stattlicher Kleidung, augenscheinlich eine Person
+distinguée+, anmuthig sein parfümirtes weißes Taschentuch in der
Hand wehend.

Diese Person war eifrigst bemüht, den ganzen Schwarm von Dienstboten
bis an das äußerste Ende der Veranda zurückzudrängen.

»Zurück! Ihr Alle hier. Ich schäme mich Eurer,« sagte er in einem Tone
großer Autorität. »Wollt Ihr Euch in Masters häusliche Verhältnisse in
der ersten Stunde seiner Ankunft eindrängen?«

Alle wurden verlegen bei dieser eleganten Rede, die mit wichtiger
Miene gehalten wurde, und blieben zusammengedrängt in ehrerbietiger
Entfernung stehen.

In Gemäßheit von Mr. Adolph's systematischer Anordnung befand sich,
als St. Clare sich nach der Bezahlung des Fuhrmanns umwandte, Niemand
vor ihm, als Mr. Adolph selbst, in glänzender, seidener Weste, mit
goldener Kette und weißen Beinkleidern, und in tiefen, unaussprechlich
anmuthigen Verbeugungen begriffen.

»Ah, Adolph, bist Du es?« sagte sein Herr, ihm die Hand entgegen
streckend; »was machst Du, mein Junge?« während Adolph mit großer
Geläufigkeit eine improvisirte Bewillkommnungsrede hielt, die er mit
großer Mühe seit vierzehn Tagen einstudirt hatte.

»Schon gut, schon gut,« sagte St. Clare, während er mit seiner
gewöhnlichen Miene nachlässigen Scherzes weiter ging, »hast das
vortrefflich gemacht, Adolph. Sieh' nach dem Gepäck, daß es richtig
herein gebracht wird; ich werde gleich bei den Leuten sein.«

So sagend, führte er Miß Ophelia in ein großes Zimmer, welches sich an
der Seite der Veranda befand.

Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und
das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls
einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit
dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf
dem sie lag.

»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend,
und sie wieder und immer wieder umarmend.

»Laß gut sein, -- nimm Dich in Acht, Kind, -- mache mir keine
Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte.

St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer,
ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie
schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von
Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm
von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein
Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor
Freude und Erwartung stand.

»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um
ihren Hals warf und sie wiederholt küßte.

Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz verursache,
sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe
die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem
sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern,
die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später
versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand.

»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt
~Etwas~, das mir nicht möglich wäre.«

»Bitte, was denn?« sagte St. Clare.

»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden
beleidigen, -- aber küssen --«

»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, --
he?«

»Nein, das wäre ich nicht im Stande! -- Wie kann sie es nur thun?« St.
Clare lachte, und ging der Vorhalle zu.

»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, -- Mammy,
Jimmy, Polly, Sucky, -- freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er,
während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte.
»Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen
schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich
auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.«

Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche
Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze
unter sie vertheilte.

»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St.
Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda
führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel
folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige
Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk
aller Arten gefüllt hatte.

Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer zurückzugehen, fiel
sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf
den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand
gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die
dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde.

»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand
schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen
behandelst -- Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen
Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, --
»es scheint mir, dies ist meine Weste.«

»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! -- natürlich,
ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich
dachte, ich dürfte sie nehmen; -- ist für einen armen Nigger, wie ich
bin, noch gut genug.«

Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit
vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar.

»So, das ist also der Grund, -- wirklich?« sagte St. Clare nachlässig.
»Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn
hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen
läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist
mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.«

»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin
entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.«

»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend.

Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche
und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und
Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in
ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen.

»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir
endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere
Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer
Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du
es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht
wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.«

Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu
erheben.

»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie.

»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,«
entgegnete St. Clare.

»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als
ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend.

»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich
in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.«

Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte.

»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie.

»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl
neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.«

»Ja, -- Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die
Dame schmollend.

»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.«

»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame.

»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte ~das~ abschicken
oder nichts.«

»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine
Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.«

»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus
seiner Tasche hervorziehend und es öffnend. »Hier habe ich Dir ein
Geschenk von New-York mitgebracht.«

Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide
Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte.

Marie sah es mit unzufriedener Miene an.

»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte
sie nur.

»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was
hältst Du von der Aehnlichkeit?«

»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird
sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen
zuschlagend.

»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut
fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit?
Sei doch nicht thöricht!«

»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du
mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß
ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit
Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß
ich halb todt bin.«

»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus
den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig
gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür
gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte.

»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie.

»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte
Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham
Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.«

»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten
am See reif werden, zu diesem Zwecke holen lassen,« sagte St. Clare,
während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du
bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von
der Reise auszuruhen. -- Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle
hierher kommen.«

Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich
geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich
gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und
rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe
arrangirt hatte.

»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie
ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für
jede Bequemlichkeit.«

Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia.




Sechszehntes Kapitel.

Tom's Mistreß und ihre Ansichten.


»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an.
Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England,
die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit
geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die
Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.«

Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens
Ankunft, gemacht.

»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend.
»Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen
wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.«

»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher
Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare.

»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir
es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so
könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.«

Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und
sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?«

»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn
sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit
mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere
sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.«

»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,«
sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste
Kreatur der Welt; -- was würdest Du ohne sie anfangen?«

»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte
Marie; -- »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, -- schrecklich
selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.«

»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz
ernsthaft.

»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, -- »ich denke, es ist schrecklich
selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie
weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, -- wenn grade
meine Anfälle am schlimmsten sind, -- und doch ist sie so schwer zu
erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker nur von den
Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.«

»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?«
fragte Eva.

»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl
beklagt?«

»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du
gehabt habest, -- so viele hinter einander.«

»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer
Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare.

»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St.
Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört
mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich
haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn
Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte,
so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so
aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das
Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu.

Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen,
beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht
geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad
ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören
lasse.

»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist
sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum
Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen
und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog,
mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein
Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich;
und ich dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten,
einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen
würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals
darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet;
allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf
bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe,
ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen,
weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb
nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann
zu nehmen; aber nein, -- sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art
Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie
ich.«

»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.

»Ja, zwei Kinder.«

»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?«

»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen.
Es waren schmutzige, kleine Dinger, -- die ich unmöglich hier
um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit
weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art
Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen;
und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist,
und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne
zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, -- sie
sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!«

»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia
blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den
innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund,
während er sprach.

»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich
wollte, Eure nordischen Dienstboten könnten nur einmal in ihren
Kleiderschrank sehen, -- Seide und Mousselin hat sie darin hängen.
Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu
säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen.
Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das
ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben
worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem
Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes
Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt.
Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist
großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und
sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare
so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig
geworden bin.«

»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend.

Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden,
mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes.
Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um
ihren Hals.

»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie.

»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, -- nur eine?
Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde
auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke --«

»O Thorheit, Kind, -- Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares
Kind!«

»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist
nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend
Kopfschmerzen.«

»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie ist gerade wie die
Andern, -- macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger
ein wenig weh thut; -- nein, so etwas darf man nie bestärken! --
Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich
zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit
dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen
Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände
voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, -- Niemand weiß, was
ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und
ich thue es.«

Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser
Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in
lautes Lachen ausbrach.

»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine
Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden
Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es
bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen.

Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein.
Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein
Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia
und Marie blieben allein am Tische sitzen.

»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch
mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der
Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger
sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit
Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen
wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich
einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets
für mich behalten und getragen, bis St. Clare endlich zu der Meinung
gekommen ist, ich könne Alles tragen.«

Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf
erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte,
trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im
Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu
machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch,
über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele
Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer
und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig
verwirrt geworden sein würde.

»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben;
so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein
werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; -- nur Eva, --
sie erfordert Aufmerksamkeit.«

»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah
nie ein besseres.«

»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare
Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte
sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige
Betrachtung wäre.

Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte
Klugheit genug, es für sich zu behalten.

»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten,
und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe
auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, -- es hat mir durchaus
keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur,
die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist
sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St.
Clare, glaube ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur
unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.«

Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da.

»Es gibt aber keinen andern Weg, mit Dienstboten fertig zu werden, als
den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich
von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus
voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie
selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? -- ich weiß
es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer ~gütig~ gegen die
Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie
~ihre Stellung fühlen lassen~. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde
noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines
Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot,
bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein
Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde,
wenn es sich selbst überlassen wäre.«

»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für
menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet
sind.«

»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was
einigermaßen angeht, -- Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung
bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es
hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je
vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder
sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art
und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen
oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!«

Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen
eines Faulbettes niederfallen, hielt ein feingeschliffenes
Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem
letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem,
eben so Aetherischem ähnlich, fort:

»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es
ist nicht meine Gewohnheit, -- es sagt mir nicht zu, -- und ich habe
auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare
sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden
und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen
Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer
sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist
wenigstens meine Meinung.«

Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer
Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme
Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas
dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die
finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb
Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu
stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte,
als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen
aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun
haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner
Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden,
zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu
sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein
nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort:

»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten
hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb
auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St.
Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen,
daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles
mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und
besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so,
als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn
er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen,
ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist
St. Clare wirklich fürchterlich, -- und ich fürchte mich vor ihm,
so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal
zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden
solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer
solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen.
Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde
seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte;
und ich -- es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich
einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute
sind nichts als große Kinder.«

»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte
Miß Ophelia kurz.

»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne
Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese
Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare
Klasse von Geschöpfen sind.«

Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand
zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen
auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen.

»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem
täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist
ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet
das verwirrteste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was
sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien
an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu
veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es
nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn
man uns mit ihnen vergleichen könnte.«

»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen
hat?« sagte Miß Ophelia kurz.

»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist
ein entartetes Geschlecht.«

»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte
Miß Ophelia mit steigendem Unwillen.

»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, -- Niemand zweifelt daran;
aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir
überhaupt damit verglichen werden könnten, -- das ist unmöglich!
St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von
ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist
auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die
Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes
Verhältniß -- ganz natürlich, -- und doch will St. Clare das nicht
einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben
könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in
allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und
aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu
lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu
viel -- selbst für ~mich~. Ich zeige selten meine Empfindungen; es
ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das
harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von
dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl aus seinen
Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer
dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!«

Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu
müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer
Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.

»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; --
einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben,
thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner
schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe
meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung
ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun
wollte, was Andere thun!«

»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia.

»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern
Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn
ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt
so viel Energie als St. Clare verwalten.«

»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß
Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.«

»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, -- es ist viel
leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt
haben, es ist sonderbar, -- das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone
spricht, -- dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst
davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten
nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines
Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St.
Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich
hat. Aber Sie werden finden, wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß
es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, -- das Volk ist so
schlecht, so falsch, so faul.«

»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was
für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen
haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! -- Siehst Du,
Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem
Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar
nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir,
Marie und ich, ihnen geben.«

»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie.

»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche
erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine
Bemerkungen zu unterstützen.«

»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,«
sagte Marie.

»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine
Liebe, daß Du mich berichtigt hast.«

»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie.

»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen
Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte,
sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.«

»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses
Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich
geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte
Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!«

»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen
Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit
Dolph hatte, bestand darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten
so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn
hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu
verschaffen.«

»Wie meinst Du das?« fragte Marie.

»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich
~einige~ von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen,
ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine
Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war
wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen
Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten,
und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu
machen.«

»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig
zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!«
sagte Marie.

»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel
seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser
auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und
leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht
geben?«

»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß
Ophelia mit dreister Bestimmtheit.

»Zu viel Umstände, -- Trägheit, Cousine, Trägheit, -- was mehr Seelen
ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so
hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es
ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz
alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche
Betrachtung, wahrlich!«

»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit
auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht
haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie
vernünftige Wesen zu behandeln, -- wie unsterbliche Geschöpfe, über
die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das
ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer
plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte.

»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt
Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein
munteres Stückchen zu spielen.

St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war
leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger
Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem
andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen
will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß
Ophelia:

»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine
Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um
so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren
Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du
bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten
Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.«

»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,«
sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als
wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden
Nutzen für sie, -- sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das
anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen,
so -- ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen
gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche
können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der
Predigt verstehen, nicht mehr als eine Heerde Schweine, -- und ich
kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist;
aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon
vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird
es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz
vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie
noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich
kenne sie.«

Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare
pfiff ein Liedchen.

»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt
meine Kopfschmerzen.«

»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst
noch etwas von mir?«

»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben
könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.«

»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare.

»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.«

»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach
Befehl reden, -- wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu
stellen.«

Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch
die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die
Gardine zur Seite und lachte mit.

»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend.

Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit
Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen
Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf
sein Knie setzte.

»O, Tom, Du siehst so komisch aus!«

Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und
schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie
seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine
Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung
bitten.

»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia.

»Warum nicht?« entgegnete St. Clare.

»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!«

»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund
liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und
unsterblich ist, schauderst Du, -- gestehe es nur, Cousine. Ich kenne
einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die
kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen;
Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, -- sie
beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft
während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie
viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt
einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und
dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt
sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu
thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches
Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre
nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure
Meinung?«

»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas
Wahres darin liegt.«

»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?«
sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete,
welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind
die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero;
seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und
methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug
und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und
er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies
ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und
Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.«

»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe
glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden
hört.«

»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk
gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich
fürchte, auch kein Ausüber derselben.«

»Wie kannst Du denn so reden?«

»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube
Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen,
was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen
Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein
Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.«

* * * * *

Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu
sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, -- die
instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, --
hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer
Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder Fahrten sein dürfe;
und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere
Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, -- Befehle, welche, wie
unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm
waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte
ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein
Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung
eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie
durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe
komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn
ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr
leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei,
allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah
deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem
sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien
Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte
ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer
seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren.

Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung,
für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und
er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die
Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes,
die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen,
welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten.

Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen
können, -- und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil
in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen
wird, -- so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer Pracht
erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens
nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des
Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen
und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes
erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und
mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen
des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird
ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen
Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen
höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen
Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In
allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines
ächt ~christlichen Lebens~ geben, und vielleicht hat Gott, da er
diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends«
ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu
machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken
ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten
sein.

Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare
beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet
in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes
Handgelenk befestigte? -- Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas
Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller
Rüstung, -- Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, -- im Begriffe, in
eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es
nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie
nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen,
und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie
sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke auch sehr gute,
elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete
den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes
Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern
ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen
Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene
persönliche Erscheinung.

»Wo ist Eva?« sagte Marie.

»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,«
entgegnete Ophelia.

Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es
wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört.

»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.«

»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; -- brauchen sich darum
nicht zu ängstigen.«

»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind,
indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, -- »Du sollst mein
Riechfläschchen nehmen.«

»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, --
würde sich nicht passen, -- gar nicht!«

»Warum nicht? Du hast es nöthig, und ich nicht. Mamma gebraucht es
immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen.
Nein, Du sollst es nehmen, -- mir zum Gefallen.«

»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das
Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer
Mutter.

»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?«

»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben,
welches sie mit in die Kirche nehmen soll.«

»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, -- »Dein goldenes
Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich
schickt? -- Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es
zurück!«

Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich
langsam um.

»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr
gefällt!« sagte St. Clare.

»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?«
entgegnete Marie.

»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel
besser fortkommen, als Du oder ich!«

»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft
berührend, »es thut Mutter weh.«

»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte
Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte.

»Bedaure, ich werde nicht hingehen.«

»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche
ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist
gar nicht anständig und achtungswerth.«

»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um
zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit
breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde
ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens
Etwas, was Einen munter erhält.«

»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.

»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche,
Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva,
willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte
St. Clare.

»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.«

»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare.

»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft
schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.«

»Weshalb gehst Du denn also hin?«

»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir,
daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht
wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch
überhaupt nicht so sehr langweilig!«

»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist
ein gutes Kind, bete für mich.«

»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der
Mutter in den Wagen sprang.

St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während
der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen
Augen.

»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu
einem Evangelium für mich gesandt?«

Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine
Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War
er anders, als andere Leute?

»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut,
freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht
recht, sie ~grade~ so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder
andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy
krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen,
-- nicht wahr?«

»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva,
»weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser,
als das ihrige ist.«

Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen Mangel von
Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort
aussprach.

»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief
sie.

»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck.

Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder
bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck,
und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene
Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr.

* * * * *

»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den
Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut
in der Kirche?«

»O, Doktor G-- hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie.

»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte
ganz genau mit meinen Ansichten überein.«

»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen
sein,« sagte St. Clare.

»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse
und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut
Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und
Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß
es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und
ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um
zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es
so richtig auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht
worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite
sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich
wollte nur, Du hättest ihn gehört.«

»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der
Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und
dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie
Du weißt.«

»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte
Miß Ophelia.

»Wer -- ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so
verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände
durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese
Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben
sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere
Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet
das Ganze, -- und grade dasselbe, worauf all das heilige Geschwätz
hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall
verständlich sein.«

»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte
Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.«

»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse
Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns
bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte,
der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange
sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der
Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, -- wir
würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.«

»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,« sagte Miß Ophelia,
»hältst Du sie für recht oder unrecht?«

»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben,
Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte,
so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich
herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende
ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher
zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf
die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins
aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.«

»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende
Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die
Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt
eben gethan hat.«

»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer
unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was
Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden
läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte
Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu
passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht
und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne
gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche,
so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.«

»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte
Miß Ophelia.

»Die Bibel war das Buch ~meiner Mutter~,« sagte St. Clare; »nach
ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid
thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich
könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein
trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu
beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde
meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den
Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein
Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem
Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern
Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene
Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der
menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht
aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer
strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß
die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur
so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand
auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für
uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können,
sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb
daran festhalten wollen, -- so ist dies wenigstens kräftig, klar und
deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit
für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu
schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr
geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er
gehalten zu werden verdient.«

»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie.

»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den
Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze
Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, -- glaubst
Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung
der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde
dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es
dann entdeckt sein, daß die Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre
Richtung anweise!«

»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee
ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei
besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, -- ja, ich
fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß,
daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.«

»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die
grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer
kam.

»Worüber, Papa?«

»Ich meine, -- wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei
Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist,
mit vielen Dienstboten?«

»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva.

»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd.

»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, -- verstehst Du?«
sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend.

»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es
ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.«

»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie
auf sein Knie stieg.

»Nach den Begriffen dieser Welt -- beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare.
»Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit
gewesen?«

»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und
Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.«

»Tom singen gehört, he?«

»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen Jerusalem, und den
leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!«

»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?«

»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.«

»Singstunden, wie? -- o, Du nimmst zu!«

»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er
erklärt es mir dann, was es bedeutet.«

»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des
ganzen Carnevals.«

»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, -- ich möchte
drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für
Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und
stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte
ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe
seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er
verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.«

»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen
Kunststücken schon öfter gehört.«

»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn
er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom
schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für
Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser
werden möchte.«

»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia.

»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St.
Clare. »Gut, wir wollen sehen, -- nicht wahr, Eva?«




Siebenzehntes Kapitel.

Die Vertheidigung des freien Mannes.


Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung
Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus
den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich,
ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von
Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die
Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde,
rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen
warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg
und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines
Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen
begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen
sichtbar.

»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du
bist ein gutes Kind, -- viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe
geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien
Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott
der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, -- mein eifriges
Streben, -- gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun
will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl
unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu
sein.«

»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen.
Ich verstehe das Kleidermachen, und kann feine Wäsche waschen und
plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.«

»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn
diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen
Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind ~ihm~ angehören!
Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder
ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und
abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen
als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas
bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem
fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und
weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich
mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so
will ich zufrieden, -- dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld
für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft,
so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für
mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.«

»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch
nicht in Kanada.«

»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft
fühlte, -- sie macht mich stark.«

In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört,
die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an
die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie.

Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als
Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und
trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er
hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's,
sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz
darauf ist, zu wissen, was er wolle, und mit scharfem Blicke Alles
um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu
dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des
Quäkers paßten.

»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich
und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist
nöthig, daß Du es hörest.«

»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es
gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen
schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause,
ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes,
Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen
Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit
dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der
Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein
Bett fertig sein würde; und was geschah? -- ich schlief fest ein.«

»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig.

»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn
ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte
ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die
um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte,
ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie
eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden
hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der
Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm,
daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen
und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann,
sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden,
der ein Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen
abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans
hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind,
sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten
auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen
helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte
vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein
kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre,
und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo
sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen
hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht
nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns
sein. Was ist also nun zu thun?«

Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen
Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre
Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten
zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben
haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus.
Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte
ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit
geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie
jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft,
und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar
unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation.

»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll.

»Ich weiß, was ~ich~ thun werde,« entgegnete Georg, indem er in
das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann.

»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das
hinaus will.«

»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht
dahin kommen möge.«

»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,«
sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die
Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten
Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod
und Verzweiflung, und ich auch.«

»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer
einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das
Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege
als Du.«

»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg.

»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren,
sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen
wirst, so sag' es mir nur.«

»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust
wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine
Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen
deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, -- junges Blut ist heiß.«

»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem
Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will
still und ruhig hinausgehen; aber« -- er hielt inne, während seine
Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing,
-- »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans
verkauft wurde; -- ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, -- und ich
soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen und es
verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen,
gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum
letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können
Sie mich deshalb tadeln?«

»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann
nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß
halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.«

»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?«

»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon;
»das Fleisch ist schwach.«

»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,«
sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle
ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht
einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit
ihm abzumachen haben solltest.«

»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so
darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben
uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was
vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen
des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben
ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.«

»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht
werden, -- nun, dann laß Jene sich vorsehen.«

»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden
bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark
in Dir.«

Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner
gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein
gefährlicher Schütze für den Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst
einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize
bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden;
und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und
nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig
höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in
seiner Erkenntniß« zu bemerken.

»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel
Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein
Herz auf dem rechten Flecke ist.«

»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer
Flucht?«

»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen,
also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der
Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor
der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche
schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn
sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn
wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen.
Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem
schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe,
und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen
sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt;
oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr
eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit
der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben
einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu
erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund
Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den Leuten
deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür
hinter sich schloß.

»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für
Dich thun, was geschehen kann, Georg.«

»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich
aussetzen.«

»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete
Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt
uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,«
fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für
diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.«

Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu
backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle +et cetera's+
des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem
kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch
begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen,
daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt
sind.

»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und
Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben,
wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte,
Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen
meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme
Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie
kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg,
Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer
Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und
schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen
Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete
gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe
erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch
seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen
hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst
über meinen Leichnam gehen.«

»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus
diesem Lande glücklich führen wollte, -- das ist Alles, um was wir ihn
bitten.«

»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau
sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er
Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie
behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; -- ja, alle Gewalt ist
auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder
von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem
durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und
arme, ehrliche, treue Christen, -- eben so gute, wie sie, und bessere
vielleicht, -- liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und
verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern
und Thränen, -- und Gott ~läßt~ es geschehen.«

»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen
Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.«

Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen
trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie
folgt:

»Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt
hätte beinahe geglitten.

»Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den
Gottlosen so wohl ging.

»Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie
andre Menschen geplagt.

»Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel
muß wohlgethan heißen.

»Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie
nur gedenken.

»Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern
hoch her.

»Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen
wie Wasser,

»Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der
Höchste ihrer achten?«

»Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach
Lesung dieser Verse.

»Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich
sie selbst niedergeschrieben hätte.«

»Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las:

»Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war
mir zu schwer,

»Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf
ihr Ende.

»Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden.

»Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild
in der Stadt verschmähet.

»Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner
rechten Hand.

»Du leitest mich bei Deinem Rath, und nimmst mich endlich zu
Ehren an.

»Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

»Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch,
Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.«

Die Worte heiligen Vertrauens, die von den Lippen des freundlichen
alten Mannes flossen, stahlen sich wie heilige Musik in den gequälten,
erhitzten Geist Georg's; und als Jener geendet hatte, saß er da mit
dem Ausdrucke von Sanftmuth und Demuth in seinen schönen Zügen.

»Wenn diese Welt Alles wäre, Georg,« sagte Simeon, »so könntest Du
allerdings fragen, wo ist der Herr? Aber es sind oft Diejenigen,
welche in diesem Leben am allerwenigsten haben, die er für sein Reich
auserwählt. Vertraue auf ihn, und was auch immer Dich hier befallen
möge, Er wird jenseits Alles gut machen.«

Wenn diese Worte von einem bequemen, selbstzufriedenen Ermahner
gekommen wären, in dessen Munde sie als eine bloße rhetorische
Redensart hätten gelten können, wie sie Unglücklichen gegenüber so
häufig gebraucht werden, so hätten sie vielleicht keine große Wirkung
gehabt; allein da sie aus dem Munde eines Mannes flossen, der sich für
die heilige Sache Gottes und der Menschen täglich der Gefahr aussetzte,
an seinem Gut und seiner Freiheit gestraft zu werden, so hatten sie
ein Gewicht, das von jedem empfunden werden mußte, und unsere armen,
heimathlosen Flüchtlinge, Georg und Elisa, fühlten deshalb Ruhe und
Kraft aus ihnen in ihre Herzen strömen.

Und nun nahm Rachel Elisa freundlich bei der Hand, und führte sie an
den Abendtisch. Als Alle darum saßen, wurde ein leises Klopfen an die
Thür gehört, und Ruth trat ein.

»Ich bin nur grade hergelaufen,« sagte sie, »um die kleinen Strümpfe
hier für den Knaben zu bringen, -- drei Paar warme wollene. Es wird
sehr kalt sein, verstehst Du, da in Kanada. Hast Du guten Muth, Elisa?«
fügte sie hinzu, um den Tisch herum an Elisa's Seite trippelnd, und
ihr herzlich die Hand schüttelnd, während sie zugleich in Harry's Hand
einen kleinen Kuchen schob. »Ich habe hier ein kleines Packetchen für
ihn,« sagte sie, indem sie an ihrer Tasche zupfte und zog, um es hervor
zu holen. »Kinder, weißt Du, wollen immer etwas zu essen haben.«

»O, ich danke Ihnen, Sie sind so gütig,« sagte Elisa.

»Komm' Ruth, setz' Dich, und iß etwas mit,« sagte Rachel.

»Ich kann nicht, -- unmöglich. Ich habe John mit dem Kinde zu Hause
gelassen, und Zwiebacke im Ofen stehen. Ich kann also keinen Augenblick
bleiben, sonst verbrennt mir John alle Zwiebacke, und gibt dem Kinde
allen Zucker, der in der Schaale ist. So macht er es immer,« sagte die
kleine Quäkerin lachend. »Also, leb' wohl, Elisa, leb' wohl, Georg, der
Herr gebe Euch eine glückliche Reise!« und nach einigem Trippeln war
Ruth aus dem Zimmer verschwunden.

Bald nach dem Essen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor die Hausthür.
Die Nacht war sternhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitze
herab, um seine Passagiere in Ordnung zu bringen. Georg schritt zur
Hausthür hinaus mit dem Kinde auf dem einen Arme, und mit seiner Frau
am andern. Sein Schritt war fest, sein Gesicht ruhig und entschlossen.
Simeon und Rachel folgten hinter ihnen.

»Steigt einen Augenblick heraus,« sagte Phineas zu denen innerhalb des
Wagens, »und laßt mich den Rücksitz im Wagen für die Frauenzimmer und
das Kind zurecht machen.«

»Hier sind die beiden Buffalohäute,« sagte Rachel. »Mache die Sitze so
bequem wie möglich; es greift an, die ganze Nacht zu fahren.«

Jim kam zuerst heraus, und half seiner alten Mutter, die an seinem
Arme hing, und sich ängstlich umsah, als wenn sie jeden Augenblick die
Verfolger erwarte.

»Jim, sind Deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester
Stimme.

»Ja wohl,« entgegnete Jim.

»Und Du bist nicht zweifelhaft darüber, was Du zu thun hast, wenn sie
kommen sollten?«

»Ich denke nicht,« sagte Jim, seine breite Brust mit einem tiefen
Athemzuge aufwerfend. »Glaubst Du, ich will sie meine arme Mutter mir
wieder abnehmen lassen?«

Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer gütigen
Freundin Rachel Abschied genommen, und war von Simeon in den Wagen
gehoben worden, wo sie, mit ihrem Kinde auf den Hintersitz kriechend,
unter den Buffalohäuten Platz nahm. Die alte Frau wurde nächst ihr
hinein befördert, und kam neben ihr zu sitzen, während Georg und Jim
ihre Plätze auf einem rohen Brette ihnen gegenüber erhielten, und
Phineas den Frontsitz des Wagens bestieg.

»Lebt wohl, meine Freunde,« sagte Simeon von außen.

»Gott segne Euch!« antworteten Alle von innen, und der Wagen fuhr
rasselnd und stoßend über den hart gefrorenen Boden fort.

Wegen der Rauhigkeit des Weges und des Gerassels der Räder war keine
Unterhaltung möglich. Der Wagen rumpelte deshalb fort durch lange,
dunkle Waldwege, -- über weite, einsame Ebenen, -- bergauf und bergab,
-- eine Stunde nach der andern. Das Kind fiel bald in Schlaf und lag
schwer auf dem Schooße seiner Mutter. Die arme, zitternde alte Frau
vergaß zuletzt ihre Furcht; und selbst Elisa fand, als der Morgen
graute, alle ihre Besorgnisse unzureichend, um ihre Augen ungeschlossen
zu erhalten. Phineas schien der Munterste von der ganzen Gesellschaft
zu sein, und suchte sich die Zeit seiner langen Fahrt dadurch zu
verkürzen, daß er verschiedene sehr unquäckerische Lieder pfiff.

Gegen vier Uhr Morgens hörte Georg plötzlich deutliche Pferdehufe
eiligst hinter ihnen her kommen, und stieß deshalb Phineas an den
Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.

»Das muß Michael sein,« sagte er; »ich glaube, ich kenne den Klang
seines Gallops,« und streckte seinen Kopf weit zurück, um den Weg zu
überschauen.

Jetzt wurde ein in größter Eile reitender Mann in einiger Entfernung
auf der Spitze eines Hügels dunkel erkennbar.

»Das ist er, glaube ich!« sagte Phineas. Georg und Jim sprangen zum
Wagen hinaus, ehe sie wußten, was sie eigentlich thaten. Alle standen
im tiefsten Schweigen, während ihre Gesichter dem erwarteten Boten
zugewendet waren, der immer näher kam. Jetzt ging sein Lauf in ein Thal
hinab, wo sie ihn nicht sehen konnten, aber sie hörten den scharfen,
hastigen Hufschlag immer deutlicher werden, bis er endlich auf der Höhe
eines Hügels emportauchte und nahe genug war, um angerufen werden zu
können.

»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas, seine Stimme erhebend. »Holla,
hier Michael!«

»Phineas! bist Du es?«

»Ja, was für Nachrichten, -- kommen sie?«

»Geraden Wegs hinter mir, acht oder zehn Mann, voll von Brandwein, und
fluchen und schäumen wie Wölfe.«

Und während er sprach, trug der Morgenwind ihnen den fernen Schall
gallopirender Reiter zu.

»Hinein mit Euch, -- schnell, Jungens, ~hinein~!« rief Phineas.
»Wenn Ihr einmal fechten müßt, so wartet, bis ich Euch ein Stück weiter
gebracht habe.«

Nach diesen Worten sprangen Beide hinein, und Phineas trieb die Pferde
an, während der Reiter dicht hinter ihnen folgte. Der Wagen rasselte,
sprang und flog beinahe über den hartgefrorenen Boden hin; aber
deutlicher und immer deutlicher wurde der Schall der verfolgenden
Reiter hörbar. Die Weiber hörten ihn und blickten ängstlich hinaus,
und sahen am Rande eines fernen Hügels hinter ihnen einen Trupp
Männer gegen den röthlichen Morgenhimmel zum Vorschein kommen. Bald
darauf hatten die Verfolger den Wagen entdeckt, dessen weißer Plan
ihn in der Entfernung leicht erkennbar machte, und der Wind trug
das wilde Gebrüll ihrer Freude zu den Fliehenden hinüber. Elisa war
einer Ohnmacht nahe und preßte ihr Kind fester an den Busen; die
alte Frau betete und stöhnte und Georg und Jim faßten ihre Pistolen
mit verzweiflungsvollem Griffe. Die Verfolger kamen näher und immer
näher, als der Wagen plötzlich eine Wendung machte und sie an die Wand
eines steil überhängenden Felsens brachte, welcher sich in gewaltigen
Massen vereinzelt erhob, während die umliegende Gegend, mit sanfter
Abdachung, flach und eben war. Diese isolirte Felswand stieg schwarz
und schwerfällig gegen den heller werdenden Himmel auf, und schien den
Flüchtigen Schutz und einen Zufluchtsort gewähren zu wollen. Phineas
kannte den Ort und die Lokalität aus seiner Jägerzeit her genau, und
nur in der Absicht, diesen Punkt zu erreichen, hatte er seine Pferde so
stark angetrieben.

»Nun schnell!« rief er, plötzlich seine Pferde anhaltend und von seinem
Sitze herab springend. »Heraus mit Euch allen jetzt, blitzschnell, und
fort mit mir in die Felsen. Michael, Du bindest Dein Pferd an den Wagen
und fährst voraus zu Amariah, und sage ihm, er solle mit seinen Jungen
hierher kommen und ein Wort mit den Burschen da reden.«

Im Nu waren Alle aus dem Wagen heraus.

»Kommt,« sagte Phineas, den kleinen Harry auf den Arm nehmend, »Ihr
sorgt für die Weiber, und nun schnell, lauft jetzt, wenn Ihr je in
Eurem Leben gelaufen seid!«

Es bedurfte keiner besondern Ermahnung. Schneller als wir es sagen
können, hatte die ganze Gesellschaft die Umzäunung überstiegen und
eilte den Felsen zu, während Michael, der inzwischen vom Pferde
gesprungen war und dasselbe an den Wagen befestigt hatte, jetzt in
vollem Laufe davon fuhr.

»Vorwärts!« rief Phineas, als sie die Felsen erreichten, und er in
gemischtem Lichte der Sterne und der Morgendämmerung die Spuren eines
rauhen, aber deutlich ausgetretenen Fußpfades entdeckte, welcher hinauf
führte; »das ist eine unserer alten Jagdhöhlen!«

Phineas ging voran, indem er, einer Gemse gleich, von Fels zu Fels
mit dem Knaben auf dem Arme sprang. Hinter ihm folgte Jim, der seine
bebende, alte Mutter auf der Schulter trug, und Georg und Elisa
bildeten den Schluß des Zuges. Während dessen hatten die Reiter die
Umzäunung erreicht und stiegen jetzt schreiend und fluchend ab, um
ihnen zu folgen. Wenige Sekunden Klettern brachte Jene auf die Höhe
der Felsen, wo der Fußpfad einen so engen Paß bildete, daß nur Einer
nach dem Andern gehen konnte, bis sie plötzlich an eine Felsspalte von
beinahe drei Fuß Breite kamen, an deren gegenüber liegender Seite sich
eine neue, abgesonderte Felswand von dreißig Fuß Höhe, und mit steilen,
senkrechten Wänden, gleich denen eines Schlosses, erhob. Phineas sprang
mit Leichtigkeit über die Felsspalte, und setzte dort den Knaben auf
eine ebene, mit weichem, krausem Moose überwachsene Felsplatte nieder.

»Herüber mit Euch! springt jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gesprungen
seid!« rief er, während Einer nach dem Andern den Sprung glücklich
vollbrachte. Mehrere Bruchstücke loser Steine bildeten eine Art
Brustwehr, welche ihre Stellung gegen Beobachtung von Seiten der unten
Befindlichen schützte.

»Also hier wären wir Alle,« sagte Phineas, während er über die
steinerne Brustwehr lugte, um die Angreifer zu beobachten, welche
lärmend und tobend den Felsweg herauf kamen. »Sie mögen uns fangen,
wenn sie können. Wer heran will, muß einzeln durch den Paß da zwischen
den beiden Felsen gehen, und ist also in der geraden Richtung Eurer
Pistolen, -- seht Ihr, Jungens?«

»Ich sehe es,« sagte Georg; »und da dies nun unsere Sache allein ist,
so wollen wir auch alle Gefahr übernehmen, und den ganzen Kampf allein
bestehen.«

»Ist mir ganz recht, wenn Du es ausfechten willst, Freund Georg,«
entgegnete Phineas, »aber Du wirst mir doch den Spaß lassen,
zuzuschauen? Sieh' nur, wie die Burschen da unten berathschlagen und
hier herauf gucken wie Hennen, wenn sie zu Neste fliegen wollen. Wärs
nicht besser, wenn Du ihnen 'nen guten Rath gäbest, ehe sie herauf
kommen, und ihnen gelassen sagtest, daß sie todtgeschossen würden, wenn
sie's thäten?«

Die Gesellschaft am Fuße des Felsens, welche jetzt im heller werdenden
Morgenlichte deutlicher erkennbar wurde, bestand aus unsern alten
Freunden Tom Locker und Marks, nebst zwei Konstablern und einer Anzahl
liederlicher Bursche, die in der letzten Schenke durch etwas Brandwein
geworben worden waren, bei dem interessanten Geschäfte, Nigger
einzufangen, hülfreiche Hand zu leisten.

»He, Tom, Eure Affen sind glücklich aufgespürt,« sagte Einer von ihnen.

»Ja, ich sah sie gerade hier hinauf gehen,« erwiederte Tom, »hier ist
der Fußweg. Sie können doch nicht Alle mit einem Male 'nunterspringen,
und 's wird nicht lange dauern, um sie einzukreisen und herauszuholen.«

»Aber, Tom, sie könnten ja hinter den Felsen hervorschießen,« sagte
Marks; -- »das wäre unangenehm!«

»Uf!« entgegnete Tom mit höhnischem Lachen, -- »Du bist immer für
Deine Haut besorgt, Marks! Keine Gefahr hier, Nigger sind zu feig von
Natur.«

»Ich weiß nicht, warum ich nicht für meine Haut besorgt sein soll,«
sagte Marks; »sie ist das Beste, was ich habe; und Niggers fechten
manchmal wie der Teufel.«

In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens über ihnen
und sagte, indem er mit ruhiger, deutlicher Stimme sprach:

»Meine Herren, wer sind Sie, dort unten, und was wollen Sie hier?«

»Wir suchen 'ne Partie weggelaufener Nigger,« sagte Tom Locker. »Einen
gewissen Georg Harris und Elisa Harris, und ihr Junges, und Jim Selden,
und ein altes Weib. Wir haben die Konstabler hier und 'nen Haftsbefehl,
und wir wollen sie haben, -- versteht Ihr? -- He, bist Du nicht selbst
Georg Harris, der Mr. Harris in Kentucky gehört?«

»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky nannte mich sein
Eigenthum; -- aber ich bin jetzt ein freier Mensch, stehe auf Gottes
freiem Boden und beanspruche mein Weib und mein Kind als mein
eigen. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir haben Arme, uns zu
vertheidigen, und wir sind fest entschlossen, es zu thun. Ihr mögt
herauf kommen, wenn Ihr wollt; aber der Erste von Euch, der in den
Bereich unserer Kugeln kommt, ist verloren, und so der nächste und der
folgende, bis zum Letzten.«

»Ah, was!« sagte ein kleiner, aufgeblasener Mann hervortretend und sich
seine Nase ausschnaubend. »Junger Mann, das ist gar keine Art Gespräch,
was sich für Dich paßt. Du siehst, wir sind Konstabler. Wir haben das
Gesetz auf unserer Seite, und die Macht, und so weiter; so also thust
Du am Besten, Du ergiebst Dich gutwillig, denn endlich mußt Du es doch
thun.«

»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr das Recht und die Macht auf Eurer Seite
habt,« sagte Georg mit bitterem Tone. »Ihr wollt mein Weib nehmen, um
es in New-Orleans zu verkaufen, und mein Kind wollt Ihr wie ein Kalb
einem Händler überliefern, und Jim's alte Mutter wollt Ihr zu dem
viehischen Menschen zurücksenden, der sie gepeitscht und gemißhandelt
hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Mich und Jim wollt
Ihr zurück schicken, um gepeitscht und gemartert und von den Hacken
derjenigen zertreten zu werden, die Ihr unsere Herren nennt; und Eure
Gesetze werden Euch darin unterstützen, -- was für sie und Euch um
so mehr Schande ist! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure
Gesetze nicht an; wir erkennen Euer Land nicht an; wir stehen hier
frei unter Gottes Himmel wie Ihr, und bei dem großen Gott, der uns
geschaffen hat, wir wollen unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen
vertheidigen!«

Georg's Figur war vollständig sichtbar, als er auf der Höhe des Felsens
stand, und diese Unabhängigkeitserklärung machte. Das Morgenlicht warf
einen röthlichen Schein auf seine bräunliche Wange, und die innere
Erbitterung und Verzweiflung verliehen seinem dunklen Auge Feuer, und
als ob er an die Gerechtigkeit Gottes appellire, hob er während des
Sprechens seine Hände gen Himmel. Seine Stellung, sein Auge, seine
Stimme und die Art und die Weise seines Sprechens hatten auf die unten
befindliche Gesellschaft einen momentanen Eindruck gemacht, und sie zum
Schweigen gebracht. Es liegt etwas in Kühnheit und Entschlossenheit,
was selbst der rohesten Natur eine Zeit lang imponirt. Marks war der
Einzige, der ganz unempfänglich dafür blieb. Er spannte wohlbedächtig
seine Pistole, und drückte während des momentanen Schweigens, das auf
Georgs Rede folgte, auf ihn ab.

»Ihr wißt, Ihr bekommt gerade eben so viel für ihn todt wie lebendig
in Kentucky,« sagte er, indem er seine Pistole kaltblütig am Rockärmel
abwischte.

Georg sprang zurück, -- Elisa stieß einen Schrei aus, die Kugel war
dicht an seinem Haar vorüber gestrichen, hatte beinahe die Wange seiner
Frau gestreift und war in einen Baum oberhalb gefahren.

»Es ist nichts, Elisa,« sagte Georg schnell.

»Du thätest besser, denen aus dem Gesichte zu gehen mit Deinen vielen
Redensarten,« sagte Phineas, »das sind gemeine Banditen.«

»Nun, Jim,« sagte Georg, »sieh' zu, daß Deine Pistolen in Ordnung sind,
und passe auf diesen Weg hier mit mir. Auf den Ersten, der sich zeigt,
schieße ich; Du nimmst den Zweiten und so fort. Wir dürfen nicht zwei
Schüsse auf Einen verschwenden, -- verstehst Du?«

»Aber wenn Du nicht triffst?«

»Ich ~werde~ treffen,« entgegnete Georg kaltblütig.

»Brav! in dem Burschen steckt 'was!« murmelte Phineas zwischen den
Zähnen.

Die Gesellschaft unten stand, nachdem Marks geschossen hatte, einen
Augenblick unschlüssig.

»Ich denke, Du mußt Einen getroffen haben,« sagte einer der Männer; --
»ich hörte ein Gekreisch.«

»Ich gehe jetzt gerade hinauf, und will mir Einen holen,« sagte Tom; --
»habe mich nie vor Niggern gefürchtet, und werde 's jetzt auch nicht
thun. Wer folgt mir?« rief er, die Felsen hinaufspringend.

Georg hörte diese Worte deutlich. Er spannte sein Pistol, prüfte es,
und richtete es auf den Punkt im Engpasse, wo der erste Mann erscheinen
mußte.

Einer der muthigsten von der ganzen Gesellschaft folgte Tom, und
nachdem der Weg auf diese Weise eröffnet war, folgte die ganze
übrige Gesellschaft die Felsen hinauf, wobei die hinten Gehenden
ihre Vorderleute eiliger drängten, als diese aus eigenem Antrieb
vorgeschritten sein würden. Einen Augenblick später erschien Tom's
aufgedunsene Gestalt beinahe dicht am Rande der Felsspalte.

Georg feuerte und die Kugel traf Tom's Seite; allein, obgleich
verwundet, wollte er doch nicht zurückweichen, sondern sprang mit einem
gellen Schrei, wie dem eines rasenden Stieres, über den Abgrund auf die
drüben Stehenden zu.

»Freund,« sagte Phineas, indem er plötzlich hervortrat, und ihn mit
einem kräftigen Stoße seiner langen Arme empfing, »Du bist hier nicht
nöthig.«

Nieder in den Abgrund fuhr Tom, durch Baumzweige und Gebüsche brechend
und über Stämme und lose Steine rollend, bis er, zerschlagen und
stöhnend, dreißig Fuß tief unten lag. Der Fall würde ihn getödtet
haben, wenn er nicht dadurch aufgehalten worden wäre, daß seine Kleider
an den Zweigen eines starken Baumes hängen blieben.

»Gott sei uns gnädig, das sind wahre Teufel!« sagte Marks, indem er den
Rückzug den Felsen hinunter mit bei weitem mehr gutem Willen anführte,
als er beim Hinaufsteigen gezeigt hatte, während alle Uebrigen in
eiliger Flucht stolpernd hinter ihm drein kamen.

»Hört Leute,« sagte Marks, »Ihr geht hier herum, und hebt Tom auf,
während ich nach meinem Pferde laufe, um Hülfe zu holen, -- versteht
Ihr?« und ohne sich um das Geschrei und die Verhöhnungen zu kümmern,
war Marks seinem Worte getreu und gallopirte gleich darauf davon.

»Gab es je solch ein erbärmliches Gewürm?« sagte einer der Männer; --
»kommt hierher in Geschäften, und läuft dann davon und läßt uns hier so
im Stiche!«

»Was hilfts! wir müssen doch den Kerl aufnehmen,« sagte ein Anderer.
»Will verflucht sein, wenn ich 'was darnach frage, ob er todt oder
lebendig ist.«

Die Männer, geführt von Tom's Stöhnen, kletterten nun über Wurzeln und
Stämme nach dem Orte zu, wo der Held fluchend und stöhnend lag.

»Ihr laßt Euch ziemlich laut hören, Tom,« sagte Einer. »Seid Ihr schwer
verwundet?«

»Weiß nicht. Hebt mich auf, -- könnt Ihr denn nicht. Der Teufel hole
den verfluchten Quäker! Wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich ein
Paar von ihnen hier hinunter gestoßen, daß sie hätten sagen können,
wie's ihnen gefällt.«

Mit großer Mühe und unter heftigem Stöhnen wurde der gefallene Held
aufgerichtet und gestützt unter beiden Armen endlich bis zu den Pferden
gebracht.

»Wenn Ihr mich nur eine Meile weit bis nach dem Wirthshause
zurückbringen könntet. Gebt mir doch ein Taschentuch oder sonst Etwas,
um das verfluchte Bluten zu stillen.«

Georg sah über die Felsen und bemerkte, daß sie bemüht waren, die
schwerfällige Gestalt Tom's in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei
vergeblichen Versuchen fing er an zu wanken, und fiel mit seinem ganzen
Gewichte auf den Boden nieder.

»O, ich hoffe, er ist nicht todt!« sagte Elisa, die mit der ganzen
übrigen Gesellschaft den Hergang beobachtete.

»Warum nicht?« fragte Phineas; -- »geschieht ihm recht.«

»Weil nach dem Tode das Gericht kommt,« sagte Elisa.

»Ja,« sagte die alte Frau, die während der ganzen Handlung in ihrer
methodistischen Form geseufzt und gebetet hatte, »'s ist erschrecklich
für die Seele des armen Menschen.«

»Auf mein Wort, ich glaube, sie lassen ihn liegen!« sagte Phineas.

Er hatte Recht; denn nach einigen Augenblicken anscheinender
Unentschlossenheit und Berathung sprangen alle plötzlich in ihre
Sättel und ritten davon. Als sie vollständig aus dem Gesicht waren,
begann Phineas sich zu regen.

»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen,« sagte er. »Ich
trug Michael auf, vorauszufahren, um Hülfe zu holen, und mit dem Wagen
zurückzukommen; aber wir werden wohl ein Stück den Weg hinaufgehen
müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe nur, daß er bald komme! Es ist
früh am Tage; jetzt ist noch nicht viel Volk auf der Landstraße und wir
sind nur noch zwei Meilen vom Orte entfernt. Wenn der Weg diese Nacht
nicht so rauh gewesen wäre, so hätten wir ihnen ganz und gar entgehen
können.« Als sich die Gesellschaft der Umzäunung nahte, gewahrten Alle
in einiger Entfernung ihren eigenen Wagen in Begleitung mehrerer Reiter
auf der Landstraße zurückkommen.

»Hallo, da ist Michael und Stephan und Amariah,« rief Phineas freudig.
»Nun sind wir geborgen, -- so sicher, als wenn wir schon dort wären.«

»O dann wartet hier einen Augenblick,« sagte Elisa, »und thut Etwas für
den armen Menschen. Sein Stöhnen ist schrecklich.«

»Es wäre nicht mehr als christlich,« sagte Georg, »wir wollen ihn
aufnehmen und mit uns fortschaffen.«

»Und ihn bei den Quäkern zurecht doktern!« sagte Phineas; »ganz hübsch
das! Wohl, ich habe nichts dagegen! -- wir wollen ihn uns 'mal
ansehen.«

Mit diesen Worten näherte sich ihm Phineas, der während seiner
Lebensweise als Jäger und Waldbewohner einige oberflächliche Kenntniß
von Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder, und
begann eine sorgfältige Untersuchung seines Zustandes.

»Marks,« sagte Tom schwach, »bist Du es, Marks?«

»Ich glaube nicht, Freund,« entgegnete Phineas. »Marks frägt viel nach
Dir, wenn seine eigene Haut in Sicherheit ist; -- ist fort, schon
lange.«

»Ich glaube, 's ist aus mit mir,« sagte Tom. »Der verfluchte, feige
Hund, -- mich hier allein zu lassen, wenn ich sterbe! Meine arme alte
Mutter hat mir's immer vorher gesagt, daß es so kommen würde!«

»Gottes willen! just hört nur die arme Seele. Er hat 'ne Mammy,« sagte
die alte Negerin. »Ich kann nicht anders, er thut mir leid!«

»Sachte, sachte! -- knurre und beiße nicht, Freund,« sagte Phineas, als
Tom um sich schlug und seine Hand wegstieß. »Es ist keine Hoffnung für
Dich, wenn ich nicht das Blut stille.«

Während Phineas sich sodann bemühte, einen vorläufigen Verband mit
seinem eigenen Taschentuche und denen, die sich bei den übrigen
vorfanden, anzulegen, sagte Tom schwach:

»Ihr habt mich da hinunter gestoßen.«

»Ja, sieh, Freund, wenn ich's nicht gethan hätte, so hättest Du uns
hinunter gestoßen,« sagte Phineas, während er seinen Verband anlegte.
»Hier, hier, -- laß mich das befestigen. Wir meinen's gut mit Dir, --
haben keine Bosheit gegen Dich. Du sollst nach einem Hause gebracht
werden, wo sie Dich auf's Beste pflegen, -- so gut, wie es Deine eigne
Mutter nur könnte.«

Tom stöhnte und schloß seine Augen. Bei Menschen seines Schlages hängen
Kraft und Entschlossenheit nur von physischen Beschaffenheiten ab, und
schwinden mit dem ausströmenden Blute. Der gigantische Mensch sah in
seiner Hülflosigkeit wirklich bemitleidenswerth aus.

Nunmehr wurden die Sitze aus dem Wagen herausgenommen, die Büffelhäute
wurden vierdoppelt zusammengelegt, und längs der einen Seite des Wagens
ausgebreitet, worauf vier Männer mit großer Anstrengung den schweren
Körper Tom's hineinhoben. Ehe dies ausgeführt wurde, versank er in eine
vollständige Ohnmacht. Die alte Negerin im Ueberflusse ihres Mitleids
setzte sich auf den Boden des Wagens nieder und nahm seinen Kopf in
ihren Schooß. Elisa, Georg und Jim ließen sich in dem noch übrigen
Raume des Wagens nieder, wie es ging, und die Reise ging weiter.

»Was haltet Ihr von seinem Zustande?« fragte Georg, der neben Phineas
auf dem vordersten Sitze saß.

»Es ist nur eine tiefe Fleischwunde; aber das Herunterfallen da in die
Tiefe hat ihn freilich nicht besser gemacht. Er hat ziemlich viel Blut
verloren, -- und Muth und Alles mit, -- aber er wird's überstehen und
vielleicht lernt er 'was dabei.«

»Es ist mir lieb, daß Du das sagst,« entgegnete Georg. »Es würde mir
immer ein quälender Gedanke gewesen sein, wenn ich seinen Tod veranlaßt
hätte, selbst in einer gerechten Sache.«

»Ja,« sagte Phineas, »tödten ist eine häßliche Operation, -- gleichviel
ob Mensch oder Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen,
und ich sage Dir, ich habe manches Mal einen Rehbock gesehen, wenn er
niedergeschossen und im Verenden war, der Einen mit seinem Auge so
anblickte, daß man's wirklich für 'ne Sünde hält, ihn geschossen zu
haben; und menschliche Geschöpfe haben noch viel mehr zu bedeuten,
denn, wie Deine Frau sagt, nach dem Tode kommt das Gericht.«

»Was gedenkst Du mit dem armen Menschen zu thun?« fragte Georg.

»O, zu Amariah bringen. Da ist die alte Großmutter Stephens, -- Dorcas
nennen sie sie, -- das ist 'ne erstaunliche Krankenwärterin. Ihr ist
es ganz natürlich geworden, und sie ist nie zufriedener, als wenn sie
irgend einen kranken Körper zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen,
daß wir ihn ihr für vierzehn Tage oder so lassen müssen.«

Etwa eine Stunde später langte die ganze Gesellschaft vor einem
reinlichen Farmhause an, wo die ermüdeten Reisenden zu einem
reichlichen Frühstück empfangen wurden. Tom Locker befand sich sehr
bald in ein reinlicheres und weicheres Bett niedergelegt, als er je
zuvor zu benutzen gepflegt hatte. Seine Wunde war sorgfältig verbunden
worden, und er lag nun da, seine Augen in völliger Mattigkeit vor den
weißen Fenstervorhängen und den im Krankenzimmer leise hin und her
gleitenden Personen abwechselnd öffnend und schließend. Und hier wollen
wir für jetzt von dieser Gesellschaft Abschied nehmen.




Achtzehntes Kapitel.

Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.


Unser Freund Tom verglich oft in seinen stillen Betrachtungen sein
glücklicheres Loos in der Sklaverei, in der er sich befand, mit der
Josephs in Egypten; und wirklich nahm dieser Vergleich im Laufe der
Zeit, während er seine Eigenschaften unter dem Auge seines Herrn mehr
und mehr entwickelte, an Stärke zu.

St. Clare war träge und sorglos in der Verwaltung seines Geldes. Bisher
waren die Geschäfte des Einkaufens der Lebensmittel und Vorräthe
größtentheils durch Adolph besorgt worden, der eben so nachlässig und
ausschweifend wie sein Herr war; und von Beiden war der Prozeß des
Verschwendens mit großer Lebhaftigkeit betrieben worden. Seit vielen
Jahren daran gewöhnt, das Eigenthum seines Herrn als sein eigenes
anzusehen, hatte Tom die im Hause fortlaufende Verschwendung mit kaum
zu unterdrückendem Unmuthe angesehen, und sich sogar zuweilen in der
ihm eigenthümlichen ruhigen Art und Weise Bemerkungen erlaubt. St.
Clare beschäftigte ihn anfangs in diesem Zweige nur gelegentlich;
allein als er allmählig seinen gesunden Verstand und seine
Brauchbarkeit in Geschäften erkannte, vertraute er ihm mehr und mehr
an, bis ihm allmählig sämmtliche für die Familie zu machenden Einkäufe
übertragen wurden.

»Nein, nein, Adolph,« sagte St. Clare eines Tages, als Ersterer sich
dagegen sträubte, daß ihm die bisher genossene Macht entzogen werden
solle; »laß Tom zufrieden. Du verstehst nur, was Du brauchst; Tom
aber berechnet genauer und besser; und das Geld könnte leicht einmal
gänzlich aufhören, wenn kein Einziger da ist, der das Geschäft
besorgt.«

Indem Tom das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genoß, der ihm
Geldanweisungen einhändigte, ohne sich deren Betrag zu merken und das
zurück zu empfangende Geld einsteckte, ohne es zu prüfen, bot sich ihm
jede mögliche Versuchung zur Unehrlichkeit dar; und nichts als die
unbesiegbare Einfachheit seines Sinnes, gestärkt durch den christlichen
Glauben, bewahrte ihn davor. Allein für diesen Sinn war gerade das in
ihn gesetzte Vertrauen ein genügendes Motiv, die strengste Genauigkeit
zu beobachten.

Mit Adolph war der Fall anders gewesen. Leichtsinnig und seinen
Neigungen ergeben, und in nichts beschränkt durch einen Herrn, der es
leichter fand, nachsichtig zu sein als strenge Ordnung zu erhalten,
war er in eine totale Verwechslung des +meum tuum+ mit Rücksicht
auf sich selbst und seinen Herrn verfallen, so daß selbst St. Clare
dadurch zuweilen in Verlegenheit gesetzt wurde. Der gesunde Verstand
des Letzteren sagte ihm zwar, daß eine solche Behandlungsweise seiner
Dienstboten ungerecht und gefährlich sei, und chronische Gewissensbisse
verfolgten ihn dann überall; allein diese waren nicht stark genug, um
eine durchgreifende Aenderung zu bewirken, und trugen am Ende nur dazu
bei, ihn in seine Nachsicht und Sorglosigkeit zurücksinken zu lassen.
Er ging leicht über die schwersten Vergehen hinweg, weil er sich
selbst sagte, daß wenn er seine Schuldigkeit gethan hätte, die von ihm
abhängigen Personen in derartige Fehler nicht verfallen sein würden.

Tom betrachtete seinen hübschen, fröhlichen, leichtsinnigen, jungen
Herrn mit einem aus Treue, Ehrfurcht und väterlicher Besorgniß
sonderbar gemischten Gefühle. Daß er nie die Bibel las, nie in die
Kirche ging; daß er sich über Alles, was in den Bereich seines Witzes
kam, lustig machte; daß er Sonntags seine Abende in der Oper oder im
Theater zubrachte; daß er Weingesellschaften, Clubs und Abendessen
öfter besuchte, als es wohlgethan sein konnte, -- waren Dinge,
die Tom eben so gut sehen konnte wie jeder Andere, und auf die er
die Ueberzeugung gründete, daß »Master kein Christ sei;« -- eine
Ueberzeugung, die er jedoch Niemanden mitgetheilt haben würde, und die
er nur zum Gegenstand zahlreicher Gebete in seiner eigenen einfachen
Weise machte, wenn er in seinem kleinen Schlafgemache allein war. Es
soll damit keineswegs gesagt werden, daß Tom nicht seine eigne Art
und Weise hatte, seine Meinung auszusprechen, und zwar mit dem Takte,
der zuweilen unter Leuten seiner Klasse gefunden wird. Zum Beispiel,
am Tage nach dem von uns beschriebenen Sabbath war St. Clare in einer
heitern Gesellschaft ausgesuchter Geister gewesen, und wurde zwischen
ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zustande nach Hause geführt,
in welchem das Physische ganz augenscheinlich die Oberhand über das
Geistige gewonnen hatte. Tom und Adolph waren behülflich, ihn zur Ruhe
zu bringen: Letzterer in munterster Laune, augenscheinlich die ganze
Sache als einen guten Spaß ansehend, und herzlich über Toms bäurischen
Schrecken lachend, der in der That einfältig genug war, den ganzen
übrigen Theil der Nacht wachend zuzubringen, um für seinen jungen Herrn
zu beten.

»Nun, Tom, worauf wartest Du noch?« sagte St. Clare am folgenden
Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Zimmer saß,
und Tom so eben Geld zu verschiedenen Aufträgen eingehändigt hatte.
»Ist nicht Alles richtig?« fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend
dastand.

»Master, ich fürchte -- nicht,« sagte Ton, mit ernstem Gesichte.

»Wie so, Tom, was ist's? Du siehst ja so feierlich aus wie ein
Leichenwagen.«

»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Master. Ich habe immer gedacht, daß
Master gegen Jeden gut sein wolle --«

»Nun, Tom, bin ich denn das nicht gewesen? Komm, sprich, was ist's?
was willst Du? Hast Du irgend etwas nicht erhalten, und ist dies die
Vorrede dazu?«

»Master ist immer gut gegen mich gewesen; -- habe mich über nichts zu
beklagen. Aber da ist Einer, gegen den Master nicht gut ist.«

»Wie Tom, was fällt Dir ein? Sprich heraus, was meinst Du?«

»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr fiel mir das ein. Ich dachte
dann drüber nach. Master ist nicht gut gegen sich selbst.«

Tom sagte dies, während er seinem Herrn den Rücken zuwendete und die
Thürklinke bereits in den Händen hielt. St. Clare fühlte sein Gesicht
feuerroth werden, aber lachte.

»O, ist das Alles?« sagte er heiter.

»Alles!« sagte Tom, sich plötzlich umwendend und auf seine Kniee
fallend. »O mein lieber junger Master! Ich fürchte, es wird Alles
zu Grunde richten, -- Alles -- Leib und Seele. Das gute Buch sagt:
»»er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter,«« mein lieber
Master!«

Toms Stimme stockte und Thränen rannen über seine Wangen.

»Armer Narr!« sagte St. Clare, während ihm die Thränen in die Augen
traten. »Steh' auf, Tom, -- ich bin's nicht werth, daß über mich
geweint werde.«

Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn bittend an.

»Laß gut sein, Tom, ich will nie wieder nach den verdammten Orten
gehen,« sagte St. Clare, -- »nie wieder, mein Wort darauf. Ich weiß
nicht, warum ich's nicht längst aufgegeben habe. Ich habe immer die
ganze Sippschaft verachtet, und mich dazu, daß ich hinging, -- also
nun, Tom, trockne Deine Augen und geh' Deinen Geschäften nach. --
Schon gut, schon gut, nur keine Segenswünsche jetzt; ich bin nicht so
außerordentlich gut,« fügte er hinzu, während er Tom sanft nach der
Thüre drängte. »Ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, daß Du mich so nicht
wieder siehst!« sagte er, worauf Tom, seine Augen trocknend, mit großer
Beruhigung sich entfernte.

»Und ich will ihm mein Wort halten!« sagte St. Clare zu sich selbst,
während er die Thür zumachte.

Und er hielt es, -- denn grobe Sinneslust war keine seiner Natur
eigenthümliche Versuchung.

Allein wer kann alle das Trübsal schildern, das unsere Freundin Miß
Ophelia befiel, nachdem sie die Verwaltung und Leitung eines südlichen
Haushaltes übernommen hatte.

Unter den Dienstboten des Südens herrschten alle möglichen
Verschiedenheiten der Welt, die in der Regel von dem Charakter und den
Fähigkeiten der Herrinnen abhängig sind, von denen sie erzogen worden.
Im Süden sowohl wie im Norden gibt es Frauen, welche ein besonderes
Talent des Befehlens und einen besonderen Takt in der Erziehungsweise
haben. Diese sind im Stande, mit Leichtigkeit und ohne besondere
Strenge die verschiedenen Mitglieder ihres kleinen Staates ihrem Willen
zu unterwerfen und sie alle zu einer harmonischen, systematischen
Ordnung unter einander zu verbinden. Eine solche Frau war Mrs.
Shelby, die wir bereits geschildert haben, und unsere Leser werden
deren vielleicht Mehrere kennen gelernt haben. Allein Marie St. Clare
gehörte nicht zu dieser Klasse, und ebenso wenig hatte ihre Mutter
dazu gehört. Träge und kindisch, unsystematisch und unvorsichtig, war
es nicht anders zu erwarten, als daß die von ihr erzogenen Dienstboten
eben so waren; und sie hatte die in der ganzen Wirthschaft herrschende
Verwirrung Miß Ophelien ziemlich treu geschildert, obgleich sie
dieselbe nicht ihrer wahren Ursache zugeschrieben hatte.

An dem ersten Morgen nach Uebernahme der Herrschaft stand Miß Ophelia
bereits um vier Uhr auf, und nachdem sie zuvörderst ihr eigenes Zimmer
in gehörige Ordnung gebracht hatte, was sie, zum großen Erstaunen der
Stubenmagd, stets seit dem Tage ihrer Ankunft gethan, bereitete sie
einen wirksamen Angriff auf die verschiedenen Schränke und sonstigen
Behältnisse vor, zu denen sie die Schlüssel trug.

Die Vorrathskammer, das Leinwandlager, der Porcellanschrank, die Küche
und der Keller, Alles wurde an diesem Tage einer strengen Untersuchung
unterworfen, und lange verborgene Dinge der Finsterniß wurden auf
solche Weise an's Tageslicht gebracht, daß alle Würdenträger der Küche
und Kammer dadurch in lebhafte Unruhe geriethen, und vielfaches Staunen
und Murmeln über »diese nördlichen Damen« im Domestiken-Kabinette Statt
fand.

Die alte Dinah, die erste Köchin und Hauptperson im ganzen
Küchendepartement, war mit großem Unwillen über das erfüllt, was sie
als eine Beeinträchtigung ihrer Vorrechte ansah. Kein Baron des alten
Feudalwesens zur Zeit der Magna Charta hätte einen Eingriff der Krone
mit tieferem Groll erdulden können.

Dinah war ein eigenthümlicher Charakter, und es wäre ungerecht gegen
ihr Andenken, wenn wir dem Leser nicht eine kurze Schilderung von ihr
geben wollten. Sie war eine geborene und geschickte Köchin, so gut
wie Tante Chloë; allein Chloë war für ihren Beruf gebildet worden,
und deshalb methodisch, während Dinah ein selbstgebildetes Genie, und
daher rechthaberisch, eingebildet und unordentlich im höchsten Grade
war. Aehnlich einer gewissen Klasse moderner Philosophen, verachtete
sie jede Art von Logik und Vernunftgründen, und verschanzte sich
hinter einer positiven Gewißheit, in der sie unbezwinglich war. Kein
Talent, keine Autorität, keine Vorstellung vermochte sie je davon zu
überzeugen, daß irgend ein anderer Weg als ihr eigener besser sein
könne, oder daß die von ihr in der unbedeutendsten Angelegenheit
befolgte Art und Weise irgendwie geändert werden könne. Es war dies
zwischen ihr und ihrer vormaligen Mistreß, Marien's Mutter, ein
abgemachter Punkt gewesen; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge
Mistreß selbst nach ihrer Verheirathung zu nennen fortfuhr, hatte es
bequemer gefunden, nachzugeben, als zu streiten; und auf diese Weise
hatte Dinah vollständige Herrschaft erlangt. Es wurde ihr dies um so
leichter, als sie eine vollendete Meisterin in jener diplomatischen
Kunst war, die äußerste Unterwürfigkeit im Wesen mit der unbiegsamsten
Beharrlichkeit in dem zu verfolgenden Zwecke zu vereinigen. Außerdem
war Dinah Meisterin in der Kunst, Entschuldigungsgründe jeder Art
aufzufinden. Es war in der That bei ihr Grundsatz, daß eine Köchin nie
Unrecht haben könne; und eine Köchin in den Küchen des Südens findet
leicht eine überflüssige Zahl von Köpfen und Schultern, auf die sie
jede Sünde, jedes Versehen laden kann, um ihre eigene Unbeflecktheit
zu bewahren. Wenn irgend ein Theil des Mittagessens mißrathen war,
so gab es fünfzig unbestreitbare, gute Gründe dafür, und es war ganz
unzweifelhaft lediglich die Schuld von fünfzig anderen Personen, die
Dinah mit dem schonungslosesten Eifer anklagte.

Allein es geschah selten, daß Dinah's Zubereitungen gänzlich
verunglückten. Obgleich ihre ganze Verfahrungsart im höchsten Grade
umständlich und ohne jede Berechnung von Zeit und Ort war, -- obgleich
ihre Küche gewöhnlich so aussah, als wenn ein Sturmwind durchgeweht
hätte, und sie für jedes Küchengeräth ebenso viel Plätze hatte, als
Tage im Jahre waren, -- so sandte sie dennoch, wenn man geduldig warten
konnte, bis ihre rechte Zeit kam, ein Mittagessen in vollständigster
Ordnung aus ihrer Küche heraus, und in einer Zubereitung, an der selbst
ein Epikuräer nichts auszusetzen haben konnte.

Es war jetzt gerade die Zeit, um die Vorbereitungen zum Mittagessen zu
beginnen. Dinah, welche große Zwischenräume von Ruhe und Ueberlegung
bedurfte, und Behaglichkeit in allen ihren Verrichtungen liebte,
saß auf dem Fußboden der Küche und rauchte aus einer kurzen Pfeife,
der sie sehr ergeben war, und deren sie sich stets als einer Art
Räucherfasses bediente, sobald sie das Bedürfniß einer Inspiration für
ihre Anordnungen fühlte. Um sie herum saßen verschiedene Mitglieder
eines aufkeimenden Geschlechts, an dem jeder südliche Haushalt in der
Regel Ueberfluß hat, theils beschäftigt, Bohnen auszuhülsen, theils
Kartoffeln zu schälen, oder Geflügel zu rupfen, während Dinah von Zeit
zu Zeit ihre Betrachtungen dadurch unterbrach, daß sie dem einen oder
dem andern der jungen Arbeiter bald einen Stoß und bald einen Schlag
an den Kopf mit der an ihrer Seite stets bereit liegenden Puddingkelle
versetzte. Dinah herrschte in der That über alle wolligen Häupter der
jüngeren Mitglieder mit eiserner Ruthe, und schien sie als zu keinem
andern Zwecke geboren anzusehen, als um »ihr dienstbar zu sein«, wie
sie sich auszudrücken pflegte. Es war der Geist des Systemes, unter
dem sie aufgewachsen war, und sie führte dasselbe in seiner vollsten
Ausdehnung aus.

Miß Ophelia, nachdem sie auf ihrer Reformationsreise durch alle übrigen
Abtheilungen des Haushaltes gegangen war, betrat jetzt die Küche. Dinah
hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was im Werke war,
und deshalb fest beschlossen, sich auf defensivem und conservativem
Boden zu erhalten, und jeder neuen Maßregel ohne sichtbaren Streit und
Widerstand hemmend entgegen zu treten.

Die Küche war ein weites, mit Ziegelsteinen gepflastertes Gemach, an
dessen einer Seite sich ein großer, langer Heerd erstreckte, dessen
Wegschaffung St. Clare vergeblich von Dinah zu erlangen versucht
hatte, um an seine Stelle einen modernen, eisernen Kochofen zu setzen.
Sie gab ihre Einwilligung dazu nicht. Als St. Clare aus dem Norden
zurückgekehrt war, hatte er nach dem Bilde der im Hause seines Onkels
vorgefundenen Ordnung und Einrichtung der Küche verschiedene Schränke
und andere Behältnisse in seiner eigenen anbringen lassen, um dadurch
eine systematischere Ordnung einzuführen, und in der sanguinischen
Hoffnung, daß dieselben von Nutzen für Dinah in ihren Einrichtungen
sein würden. Er hätte sie ebenso gut für ein Eichkätzchen oder eine
Elster bestimmen können; denn je mehr Kasten und Schränke vorhanden
waren, desto mehr Schlupfwinkel standen Dinah zu Gebot, um alte Lumpen,
Kämme, alte Schuhe, Bänder, abgelegte künstliche Blumen und andere
werthvolle Gegenstände, an denen ihre Seele hing, darin aufzubewahren.

Als Miß Ophelia in die Küche trat, erhob sich Dinah nicht, sondern
rauchte in erhabener Ruhe fort, und beobachtete ihre Bewegungen nur
mittelst eines schielenden Blickes aus der einen Ecke ihres Auges,
während sie scheinbar die um sie herum vorgehenden Beschäftigungen
beobachtete.

Miß Ophelia begann damit, eine in der Küche befindliche Kommode zu
öffnen.

»Wozu ist diese Kommode bestimmt, Dinah?« fragte sie.

»Für Alles, Missis,« entgegnete Dinah.

So schien es; denn von den verschiedenartigen Artikeln, die sie
enthielt, zog Miß Ophelia zunächst ein damastenes, mit Blut beflecktes
Tischtuch hervor, welches augenscheinlich dazu benutzt worden war,
rohes Fleisch einzuwickeln.

»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten
Tischtücher Deiner Mistreß ein?«

»O Herr, nein, Missis, -- es waren gerade keine andere Tücher da, und
so that ich es. Ich legte 's nur dahin, daß es gewaschen werden sollte,
-- deshalb.«

»Unordnung!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, während sie fortfuhr,
die Kommode umzurühren, wo sie dann ein Reibeisen für Muskatennüsse,
zwei oder drei Nüsse, ein methodistisches Gesangbuch, ein Strickzeug
mit Garn, ein Papier mit Tabak, eine Pfeife, zwei vergoldete
Porcellantassen mit Pommade darin, verschiedene alte Schuhe, ein Stück
Flanell, sorgfältig zusammengesteckt, mit einigen weißen Zwiebeln
darin, mehrere damastene Servietten, einige grobe Küchenhandtücher,
Stopfnadeln und Zwirn, und verschiedene durchbrochene Stücke Papier mit
Küchenkräutern vorfand, die sich in der Kommode verbreiteten.

»Wo bewahrst Du Deine Muskatennüsse auf, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit
einer Miene, die das Ende ihrer Geduld verrieth.

»Wo es ist, Missis; -- hier sind ein paar, in der zerbrochenen
Theetasse, und da welche in dem Schranke.«

»Hier sind einige in dem Reibeisen,« sagte Miß Ophelia, sie
emporhaltend.

»O ja, -- hab' sie da heut früh hin gethan, -- habe gern meine Sachen
bei der Hand,« sagte Dinah. »Du, Jake, warum thust Du nichts? Du wirst
es kriegen! -- Still da!« fügte sie mit einer merklichen Handbewegung
nach dem Verbrecher hinzu.

»Was ist dies?« fragte Miß Ophelia, eine Tasse mit Pommade
emporhaltend.

»O mein Gott, 's ist mein Haarfett; -- hab's dahin gethan, um 's bei
der Hand zu haben.«

»Gebrauchst Du die besten Tassen Deiner Mistreß zu diesem Zwecke?«

»O Missis, -- war in solcher Eile, -- gejagt, -- wollt's heut noch
wegthun.«

»Hier sind zwei damastene Servietten.«

»Die Servietten -- die hab' ich da hingethan, -- sollten nächster
Gelegenheit gewaschen werden.«

»Hast Du denn keinen andern Ort zur Aufbewahrung derjenigen Stücke,
welche gewaschen werden sollen?«

»Ja, Master hat den Kasten da machen lassen dazu,« sagte sie, »aber ich
mache gern Zwieback drauf, und habe meine Sachen da; und dann ist es so
umständlich, immer den Deckel aufzuheben.«

»Warum machst Du nicht Deinen Zwieback auf dem Backtische dort, der
dazu bestimmt ist?«

»O Missis, der steht so voll von Geschirr, und Tellern, und Allem, da
ist ja kein Platz nie --«

»Aber warum wäschest Du Dein Geschirr nie, und schaffest es bei Seite?«

»Mein Geschirr waschen!« sagte Dinah in einem hohen Tone, während ihr
Zorn rege zu werden begann, und sie ihre gewöhnliche Unterwürfigkeit
im Benehmen vergessen ließ; -- »was verstehen Damen von Arbeit, möchte
ich wissen? -- Wenn soll denn Master sein Essen bekommen, wenn ich die
ganze Zeit Geschirr waschen und wegschaffen soll? Miß Marie hat mir nie
so 'was gesagt.«

»Was machen denn diese Zwiebeln hier?« fragte Ophelia weiter, das Stück
Flanell hervorziehend.

»Sieh! sieh! ja!« sagte Dinah, »da ist's, wo ich sie hingelegt habe;
-- konnte mich nicht drauf besinnen. Grade diese Zwiebeln hatte ich
aufgehoben für dies Schmorfleisch hier, -- hatte ganz vergessen, daß
sie da in dem Flanell waren.«

Miß Ophelia hob das Stückchen Papier mit den Küchenkräutern auf.

»O, wenn Missis das doch nicht anfassen wollte! -- habe meine Sachen
gern alle an ihrem Platze, daß ich weiß, wo ich sie finden kann,« sagte
Dinah in etwas entschiedenem Tone.

»Aber wozu sind denn diese Löcher im Papiere?« fragte Ophelia.

»O, die sind bequem, um zu sieben,« entgegnete Dinah.

»Aber es fällt ja Alles heraus über die ganze Kommode, siehst Du denn
nicht?«

»O Herr, ja! wenn Missis Alles umkehrt, muß es. Missis hat die Hälfte
ausgeschüttet,« erwiederte Dinah, ärgerlich an die Kommode tretend.
»Wenn Missis nur hinaufgehen und warten will, bis meine Zeit kommt, wo
ich Alles putze, dann wird schon Alles in Ordnung sein; -- kann aber
nichts thun, wenn Damen um mich herum sind, und mich hindern. Du, Sam!
-- daß Du mir nicht Jemmy die Zuckerschale gibst, oder ich gebe Dir
eins über den Kopf!«

»Ich gehe jetzt durch die Küche, um Alles ~ein für allemal~ in
Ordnung zu bringen, Dinah, und werde dann erwarten, daß Du es in
Ordnung erhältst.«

»Nun, aber, Miß Phelia, das sind gar keine Sachen für Damen, --
habe nie Damen so 'was thun sehen; -- meine alte Missis und Miß
Marie thaten's nie; -- und sehe auch gar nicht ein, wozu es gut
ist,« entgegnete Dinah, unwillig in der Küche auf- und abschreitend,
während Miß Ophelia Teller aufsuchte und aufschichtete, Dutzende von
herumstehenden Zuckerschalen in ein Behältniß leerte, Servietten,
Tischtücher, Handtücher zum Waschen aussuchte, und Alles mit ihren
eignen Händen, und mit einer Geschwindigkeit und einem Eifer in Ordnung
brachte, die Dinah in vollständiges Staunen versetzten.

»Gott steh' mir bei! wenn's die Damen da in Norden so machen, na, dann
sind's keine Damen,« sagte sie zu einem ihrer Satelliten, als sie sich
in angemessener Entfernung von Ophelia befand. »Habe Alles in Ordnung
wie Eine, wenn meine Putzzeit kommt, -- brauche keine Damen hier herum,
die Einen nur hindern, und die Sachen alle hinpacken, wo kein Mensch
sie wieder finden kann.«

Um Dinah Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erwähnt werden,
daß sie von Zeit zu Zeit, zu ungewissen Perioden, Paroxismen für
Reformation und Ordnung bekam, die sie »Putzzeit« nannte, wo sie sodann
mit großem Eifer begann, jeden Kasten und jeden Schrank umzukehren,
und den Inhalt auf den Fußboden oder die Tische umher zu werfen, und
dadurch die Unordnung noch siebenfach zu vergrößern. Dann pflegte
sie ihre Pfeife anzuzünden, und behaglich alle neuen Anordnungen
vorzunehmen, die Gegenstände zu überschauen und zu besprechen, die
ganze jüngere Brut mit dem Blankputzen der Zinnartikel eifrigst zu
beschäftigen, und mehrere Stunden lang die denkbarste Confusion im
Gange zu erhalten, welche sie als genügende Antwort auf alle Fragen
als ihre »Putzzeit« bezeichnete. »»Sie könne die Sachen nicht mehr so
fortgehen lassen, und wolle das ~jüngere Volk~ lehren, bessere
Ordnung zu halten,«« pflegte sie zu sagen; denn Dinah gab sich gern
der Täuschung hin, daß sie selbst die Seele aller Ordnung sei, und daß
es nur das junge Volk und alle die Andern im Hause seien, die daran
Mangel litten. Wenn alles Zinn gehörig gescheuert, und die Tische
schneeweiß abgerieben worden waren, und Alles, was etwa Anstoß hätte
geben können, in Löchern und Ecken seinen Platz gefunden hatte,
pflegte Dinah ein sauberes Kleid anzuziehen, eine weiße Schürze
vorzubinden, und einen hohen, prachtvollen Turban aufzusetzen, und dem
sich umhertreibenden jüngeren Volke die Weisung zu geben, sich aus der
Küche entfernt zu halten, weil sie Alles in guter Ordnung erhalten
wolle. Diese periodischen Anfälle wurden in der That häufig dem ganzen
Haushalte lästig; denn Dinah pflegte dann eine solche Vorliebe für
ihr blank gescheuertes Zinn zu gewinnen, daß sie darauf zu bestehen
versuchte, daß es überhaupt nie wieder zu irgend einem Zwecke benutzt
werden solle, -- wenigstens so lange bis der Eifer ihrer »Putzzeit«
nachgelassen hatte.

In wenigen Tagen reformirte Miß Ophelia jede Abtheilung des ganzen
Haushaltes in ein systematisches Muster; allein ihre Bemühungen
in allen denjenigen Abtheilungen, welche von der Mitwirkung der
Dienstboten abhängig waren, glichen den Arbeiten des Sisyphus und der
Danaïden. In voller Verzweiflung wandte sie sich eines Tages an St.
Clare.

»Es ist eine positive Unmöglichkeit, auch nur entfernte Ordnung in
diesem Haushalte herzustellen,« sagte sie.

»Ohne Zweifel,« entgegnete St. Clare.

»Solches zwecklose Treiben, solche Verschwendung, solche Unordnung habe
ich nie in meinem Leben gesehen.«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Du würdest nicht so gleichgültig dabei sein, wenn Du selbst die
Verwaltung zu führen hättest.«

»Meine liebe Cousine, Du mußt wissen, ein für allemal, daß wir
Herren in zwei Klassen zu theilen sind, die Unterdrücker und die
Unterdrückten. Wir, die wir von Natur gutmüthig sind und Härte
verabscheuen, sind darauf gefaßt, viel Unannehmlichkeiten ertragen
zu müssen. Wenn wir, unsrer Bequemlichkeit halber, lässige, lockere,
unwissende Leute um uns haben ~wollen~, so müssen wir die
Folgen davon tragen. Ich kenne einige seltene Fälle von Personen,
die mittelst eines besonderen Taktes, ohne Anwendung von Strenge,
systematische Ordnung haben erhalten können; allein ich gehöre nicht zu
diesen, -- und so habe ich mich schon seit langer Zeit darin ergeben,
die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich will die armen Teufel
nicht peitschen und in Stücke hauen lassen, und sie wissen es, -- und
haben deshalb das Heft in ihren Händen.«

»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, -- Alles in dieser zwecklosen
Weise fortgehen zu lassen?«

»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen
außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem
Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als
er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von
welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun
hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück
und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh,
Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel,
Dessert, und Alles, -- und schafft das Alles in dem Chaos ihrer
finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht,
scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir
hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der
Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen
wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es
würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du
wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie
ihren eignen Weg gehen.«

»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles
vorfand.«

»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel
unter dem Bette liegt, und das Reibeisen mit dem Tabak zusammen
in ihrer Tasche steckt; -- daß da fünf und sechszig verschiedene
Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, -- und
daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und
morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat
ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und
superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und
Staatsmänner beurtheilt werden, -- ~nach dem Erfolge~.«

»Aber die Verschwendung, -- die Ausgaben.«

»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib
nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige
nicht, -- ist es nicht das Beste?«

»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken,
als daß diese Dienstboten nicht streng ~ehrlich~ sind. Glaubst Du
dessen gewiß zu sein?«

Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht
aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.

»O Cousine, das ist zu gut! -- ~ehrlich!~ -- als wenn das
überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! -- natürlich, das sind sie nicht.
Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen
können?«

»Warum unterrichtest Du sie nicht?«

»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz
danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze
Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht
aus ihnen herausbringen.«

»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?«

»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und
aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn
nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und
fühlt das farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als
Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner
Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden.
List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es
wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür
nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen
Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und
unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn
nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils,
sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie
Tom -- ist ein moralisches Wunder.«

»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia.

»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare.
»Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich
allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das
ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener
Welt geschehen wird.«

»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch
schämen!«

»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter
Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße
gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen
Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, -- findest überall,
daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen
der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall
so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen
erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.«

»Es ist nicht so in Vermont.«

»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten Staaten seid ihr uns
voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also,
Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei
Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.«

Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen
plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt,
wie sie immer thut.«

Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und
trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe.

»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah.

Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen
brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den
Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie
stützte, und sagte:

»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!«

»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia.

»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre
Augen vom Boden aufzuschlagen.

»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu
lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es
mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte.

Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen.

»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; -- sollte mich freuen, wenn
ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich,
um Dein Elend zu vergessen.«

»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis
wird dafür bezahlen.«

Miß Ophelia nahm einige Dutzend.

»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe da, oben auf dem
Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.«

»Marken, -- wozu sind die?« fragte Miß Ophelia.

»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.«

»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken,
ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.«

»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du
ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.«

»Und das ~will~ ich thun, -- ich kann nicht anders leben, --
trinken und mein Elend vergessen.«

»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld
Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.«

»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, -- ja, ich will. O Herr, ich
wollte, ich wäre todt -- ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam
und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf
den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem
Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte.

»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf
drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, -- kannst auch
noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu
Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst -- trinkst --
trinkst -- bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, -- uff!«
sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche.

»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war,
um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre,
so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.«

»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah. »Ihr Rücken sieht
jetzt schon hübsch aus, -- sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.«

»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein,
in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte
Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf.

Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume
seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter
diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte.

»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph.

Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr
zugehörigen Sklavinnen.

»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe
für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd
schön!«

»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit
der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf
zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen
Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.«

»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor
Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide
erscheinen werden,« sagte Adolph.

»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die
gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam.

»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!«

»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.«

»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie
sich auf einem ihrer kleinen Füße wiegte und ihn boshaft anblickte.
»Er macht mich immer so ärgerlich.«

»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte
Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt
finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.«

»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen
mit unmäßigem Gelächter.

»Ihr da, macht fort! -- kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht
haben in der Küche,« rief Dinah.

»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,«
sagte Rosa.

»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; -- »springen
'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts
anderes als Niggers, so gut wie ich.«

»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie
glatt liegen soll,« sagte Jane.

»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre
langen, seidenen Locken niederfallen ließ.

»Vor dem ~Herrn~ ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte
Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, -- so ein
Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, -- will
Euch hier nicht mehr haben!«

Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St.
Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob
er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke;
und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte:

»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure
Näherei und arbeitet!«

Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit der Zwiebacksfrau in
der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie
vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte
Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt
nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in
Ordnung zu bringen.

»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig.

»Warum?« sagte das Weib; -- »brauche keine Hülfe.«

»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom.

»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz.

»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, -- »ich
wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn
nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?«

»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst
mir das nicht zu sagen; -- bin häßlich, -- bin schlecht, -- gehe grade
zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!«

Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem
finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden.

»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus
Christus gehört?«

»Jesus Christus, -- wer ist das?«

»Es ist ~der Herr~,« entgegnete Tom.

»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von
Gericht und Hölle. -- Habe davon gehört.«

»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme
Sünder liebte und für uns starb?«

»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; -- »kein Mensch hat mich geliebt,
seit mein alter Mann todt ist.«

»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom.

»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und
aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug
waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master
nahm mich von ihm.«

»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?«
fragte Tom weiter.

»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher
kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil
Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis
schien anfangs große Stücke drauf zu halten; -- es schrie nie, es war
gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und
ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab
zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte
mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie
sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute
äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und
schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es
wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und
wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil
es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze
machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in
eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode.
Das that's, -- und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus
den Ohren zu bringen. So ist's, -- und ich will trinken! ich will --
und wenn ich in die Hölle dafür muß!«

»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie
unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat
Dir Niemand gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel
gehen kannst, und endlich Ruhe haben?«

»Sehe ganz so aus, wie in den Himmel kommen,« sagte das Weib.
»Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da
gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, -- fort von Master
und Missis, -- so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem
gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und
mürrisch fort ging.

Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf
er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor
Freude strahlenden Augen.

»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa
sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen
neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was
ist Dir denn, Tom? -- Du siehst ja so ernst aus.«

»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich
will die Pferde herausholen.«

»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten
Prue sprechen.«

Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des
Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich,
oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und
ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte
beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief.




Neunzehntes Kapitel.

Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.

(Fortsetzung.)


»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht
fahren,« sagte Eva.

»Warum nicht, Miß Eva?«

»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, -- »so tief in's
Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte
sich um und ging in's Haus.

Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke
zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war.

»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?«

»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau.

»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?«

»Weiß nicht genau; -- sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau,
mit einem Seitenblicke auf Ophelia.

Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte,
folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür.

»Was ist aus Prue geworden, -- was ist's?« fragte sie.

Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte
endlich in leisem, geheimnißvollem Tone:

»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder
betrunken, -- und da haben sie sie in den Keller gebracht, -- und da
den ganzen Tag gelassen, -- und ich hörte sagen, daß ~die Fliegen
schon an ihr wären, -- sie ist todt~!«

Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte,
gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus
deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen
und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war.

»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche
Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!«

»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme,
»und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so
viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.«

»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie
sind, -- diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.«

Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf.

Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf
Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der
Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört
hatte.

»Eine abscheuliche Geschichte, -- wirklich fürchterlich!« rief sie,
als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die
Zeitung las.

»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen
worden?« sagte er.

»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode
gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker
Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte.

»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte
St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen.

»Immer gedacht! -- willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte
Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu
untersuchen?«

»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen
Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute
ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich
nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die
Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung
vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.«

»Es ist wirklich empörend, -- es ist schrecklich, Augustin! Es muß
Gottes Rache auf Dich herabrufen!«

»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es
nicht ändern; -- könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige,
viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben
vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede
Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch
anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können,
ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu
bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«

»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um
solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?«

»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse
von Wesen, -- unerzogen, träg, verderbt, -- ohne Beschränkungen und
Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie
der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung
kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen
wissen; -- denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden
Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen
hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen Gesellschaft
anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden
lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich
sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von
Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich
thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.«

St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien
empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend,
fügte er hinzu:

»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du
hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein
Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der
ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und
prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben.
Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von
Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte
und seine Zeitung wieder aufnahm.

Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann
mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten.

»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen
wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich
von Dir, ein solches System zu vertheidigen; -- das ist ~meine~
Meinung!«

»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?«

»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu
vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme.

»Ich -- vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?«
sagte St. Clare.

»Natürlich vertheidigst Du es, -- Ihr thut es alle hier im Süden.
Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?«

»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt
jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du
nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?«

»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß
Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte.

»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich
bereue es unaufhörlich.«

»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?«

»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was
Du bereut hast?«

»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia.

»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für
mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.«

»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich
gebe mir Mühe, es zu unterlassen.«

»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder
vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz
dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein
geworden?«

»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr
Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner
Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu
wahr ist, -- Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich,
daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde
mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem
fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist
freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich
über Deinen Tadel nicht wundere.«

»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie
setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte
Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen!
Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener
Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, -- das ist Alles, -- um
zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln
gut; -- es ist mir peinlich, nur dran zu denken.«

»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia,
ihre Hand auf seine Stirne legend.

»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich -- ach ich kann nie
ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das
lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der
Gefühle gelangen; -- und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich
aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt
deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als
die südlichen, -- jetzt ist mir Alles klar.«

»O August, Du bist ein Wirbelkopf!«

»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft
reden; -- aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich
den Versuch machen soll. -- Also,« fuhr er fort, während er den Korb
an sich zog, -- »ich will jetzt anfangen: -- wenn es im Laufe der
menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder
drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert
eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft
--«

»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn
hier Miß Ophelia.

»Warte einen Augenblick, -- ich komme dahin, -- Du wirst es gleich
hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes
Gesicht plötzlich einen ernsten Ausdruck annahm, »es kann meiner
Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben.
Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können, -- Geistliche, die
den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, -- Politiker, die dadurch
die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische
Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit
erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste
zwingen, -- so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an
eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel,
und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in
~seiner~ Weise thun kann.«

Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare,
und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort:

»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst,
so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte
Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, -- was ist es? Reiße allen
Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und
was ist es? -- Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und
ich klug und stark bin, -- weil ich Macht und Verstand genug habe, es
auszuführen, -- deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es
behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt.
Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es
thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die
Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy
soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun,
was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich
so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das
ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den sehen,
der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie
niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich
mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst
ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb
das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der,
daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird,
als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene
Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt
zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen.
Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient
sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.«

St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er
gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft
im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer
griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine
großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach
eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie
zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor
Ueberraschung.

»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen
bleibend, -- »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen
Gegenstand zu sprechen und zu denken, -- aber ich versichere Dich, es
hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land
versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem
Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich
während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete,
wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf,
durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute Despot von
ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug
zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; -- und wenn ich
solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger
Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das
ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!«

»Augustin! -- Augustin!« sagte Miß Ophelia, -- »Du hast vollkommen
genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im
Norden nicht.«

»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr
Nordländer habt alle kaltes Blut: -- Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr
könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.«

»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, --

»Ganz richtig, ~die Frage~ ist, -- und eine verteufelte Frage
ist es! -- wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl,
ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir
Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.«
Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner
Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht
unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und
war grade so ein Mann, wie Dein Vater, -- ein ächter, alter Römer, --
aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater
ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen
und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in
Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie
eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am
andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem
Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war
göttlich! -- Sieh mich nicht so an, Cousine! Du weißt, was ich meine.
Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen
konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums
an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel,
ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube
mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen
gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen
Testaments, -- ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes
erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St.
Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich
sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und
fuhr fort:

»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß
Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden
von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen,
rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige,
bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische
Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch
und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines
Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene,
und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten.
Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art
abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben
gewöhnlich thun, -- dann und wann, und im Allgemeinen; -- er war meines
Vaters Liebling und ich der meiner Mutter.

»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen,
die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch
keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, -- und wenn ich
deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater mich finster
anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich
zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren
bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen
Kleidung, -- sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu
denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in
reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für
Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der
katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr
der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich
meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte -- o,
Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte!

»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie
jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war
ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß
er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten
Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem
ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer
Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat
nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus
durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese
Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders;
aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was
in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde,
ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die
Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte
Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger
sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes
als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere an. Ich glaube gewiß,
wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche,
unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd
Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel
um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß,
ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt
aller höheren Klassen.

»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein
unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war
bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit
darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur
durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt
wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren,
etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont
nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele
Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir,
schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, -- einen
großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, -- mit Verlaub
zu sagen -- der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität
durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte
ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige
Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot
auf unserer Besitzung.

»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe
wie jetzt für alles Menschliche, -- eine Art Leidenschaft, die
Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich
darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war
natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden
wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und
zu deren Abhülfe wir eine Art Comité bildeten. Wir verhinderten auf
diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes
wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging.
Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht
mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt
sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber
vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte
er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die
Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise,
aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige
Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in
die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte
sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch
der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie
hinderlich geworden wäre.

»Ich hörte zuweilen meine Mutter über einzelne Fälle mit ihm streiten,
-- indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre
rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und
Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er
dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll?
Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, --
durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen
sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte,
so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten,
selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen
sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen.
Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart
erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen
Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen.
Und nachdem er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf
das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann
entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die
Gelegenheit war.

Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen
Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange
zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben,
wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle
derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt
werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie
die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen
Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo
Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen,
ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein
Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich
hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe.
Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs,
nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung,
und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft,
mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer
Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener
Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele
mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der
Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich
habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends
auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die
ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle
jene Sterne lange untergegangen sind, -- wir leben so lange, wie
Gott!««

»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders eins, welches Jesus
darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen
Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der
blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte
er ihn nicht ~von fern~ heilen! Er rief ihn zu sich, und legte
~seine Hände auf ihn~! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter
ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer
weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein
Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; -- aber ach! ich
verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!«

St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten
lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort:

»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist!
Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in
Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer
Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer
Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges
Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die
Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr
alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in
Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe
gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen
Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es
ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire
St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er,
obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem
demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr
Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven
herrschte.«

Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte
deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht
dazu kommen.

»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich
behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine
war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung
entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete;
und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber,
anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot
wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so
würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in
derselben Form gegossen worden sind.«

»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia.

»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt
Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun
zu meiner Geschichte zurück:

»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden
Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft
zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen
als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und
wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche
Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die
Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes
Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde
ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge.
Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich
kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl
von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich
kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden
kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht,
gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, -- die
~Nothwendigkeit~ der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche
Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, -- das Ganze
wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran
dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele
gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich!

»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht,
daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag
selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche
Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre,
die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das
besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag
von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter
dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben
eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne
dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu
dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und
ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er
arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich
unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es
selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem
ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!«

»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle
hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht
hieltet.«

»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der
ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung;
-- nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen
Grunde, dem ~Rechte des Stärkeren~, und sagt, und zwar sehr
richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in
anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit
den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele
derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er
vertheidigt Beide, -- und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt,
es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es
müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten
und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße
und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die
leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil
er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.«

»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen
werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht
gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht
gepeitscht.«

»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so
sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen
widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, -- der Kapitalist
kann seinen Arbeiter verhungern lassen, und was die Sicherheit der
Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist,
seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.«

»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es
andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.«

»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, -- ja, ich will sogar
einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher
Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie
ein Pferd kaufen -- seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen,
und danach den Preis bezahlen, -- Speculanten halten, Sklavenzüchter,
Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, -- das
ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der
civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem
Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen
zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht
auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.«

»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte
Ophelia.

»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug
von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht
widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran
seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt
nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred
ein harter Herr ist, -- keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig
gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte,
eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im
Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut
beherbergt zu sehen.«

»Wie kam es denn,« sagte Miß Ophelia, »daß Du Dein Pflanzerleben ganz
aufgabst?«

»Wohl, wir trabten eine Weile mit einander fort, bis endlich Alfred
deutlich genug sah, daß ich kein Pflanzer sei. Er hielt es für albern,
daß ich, nachdem er fortwährend geändert, reformirt und verbessert
hatte, um meinen Ideen zu genügen, immer noch unzufrieden war. Allein
dies hatte darin seinen Grund, daß ich die ganze Sache haßte, -- den
Gebrauch der Männer und Weiber, die Fortführung dieser Unwissenheit,
Brutalität und Laster, -- nur, um Geld für mich zu verdienen! Ueberdies
mischte ich mich fortwährend in die einzelnen Fälle. Da ich selbst
einer der trägsten Sterblichen bin, so hatte ich zu viel natürliche
Bruderliebe für die Trägen; und wenn arme, faule Bursche Steine in die
Baumwollenkörbe thaten, um ihr Gewicht schwerer zu machen, oder wenn
sie ihre Säcke mit Schmutz füllten, und obenauf nur Baumwolle legten,
so kam mir dies genau so vor, als wenn ich es in ihrer Stelle selbst
thun würde, so daß ich die armen Bursche deshalb nicht auspeitschen
lassen konnte und wollte. Die Folge davon war natürlich, daß alle
Disciplin in der Plantage aufhörte; und ich kam mit Alf ziemlich
auf denselben Punkt zu stehen, auf dem ich mit meinem Vater in
früheren Jahren gestanden hatte. Er sagte mir, daß ich ein weibischer
Sentimentalist sei, und nie für ein derartiges Geschäft passen würde,
und rieth mir deshalb, das in der Bank befindliche Vermögen mit dem
Familiensitz in New-Orleans zu übernehmen, und Gedichte zu schreiben,
während er die Plantage bewirthschaftete. So trennten wir uns und ich
kam hierher.«

»Aber weßhalb hast Du denn Deine Sklaven nicht freigelassen?« fragte
Ophelia.

»Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu verstehen. Sie zu halten,
um für mich Geld zu verdienen, war mir nicht möglich; -- allein sie
zu haben, um Geld mit ausgeben zu helfen, schien mir nicht ganz so
häßlich. Manche unter ihnen waren überdies alte Dienstboten des Hauses,
für die ich Anhänglichkeit fühlte, und die Jüngeren waren deren Kinder.
Alle waren auch mit ihrer Lage wohl zufrieden.«

Hier hielt er inne und schritt gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Nach
einer Pause fuhr er fort:

»Es gab einmal in meinem Leben eine Zeit, wo ich Pläne und Hoffnungen
hegte, etwas mehr in dieser Welt zu sein, als ein bloßes Stück
Treibholz, das sich hin und her werfen läßt. Ich fühlte eine dunkle
Sehnsucht danach, ein Befreier zu werden, -- mein Geburtsland von
diesem Schandfleck zu reinigen. Ich glaube, alle jungen Männer haben
einmal solche Fieberanfälle gehabt, -- aber dann --«

»Weßhalb führtest Du es nicht aus?« sagte Miß Ophelia; »Du hättest
Deine Hand nicht an den Pflug legen sollen, und rückwärts blicken.«

»Ganz recht; aber es ging nicht mit mir, so wie ich erwartet hatte,
und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, es war bei uns
Beiden eine nothwendige Folge der Weisheit; kurz, statt eine handelnde
Person auf der Bühne der menschlichen Gesellschaft zu werden, und deren
Wiedergeburt zu bewirken, wurde ich nichts als ein Stück Treibholz,
das sich seitdem von Fluth und Ebbe hat umherwerfen lassen. Alfred
macht mir wohl Vorwürfe, so oft wir uns sehen, und er hat recht, denn
er steht wirklich über mir, -- er thut etwas, er wirkt. Sein Leben ist
eine logische Folge seiner Ansichten, während das meinige nichts als
ein verächtliches +non sequitur+ ist.«

»Mein lieber Vetter, kannst Du Dich mit einer solchen Rechtfertigung
zufrieden stellen?«

»Zufrieden stellen? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich sie verachte?
Aber um auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, -- wir sprachen von dem
Befreiungsgeschäfte. Ich glaube nicht, daß meine Ideen über Sklaverei
besonderer Art sind, denn ich finde Viele, die in ihren Herzen grade
ebenso empfinden wie ich. Das Land seufzt unter der Last, und so
schwer sie auch den Sklaven drückt, so leidet der Herr doch noch mehr
darunter. Es bedarf keiner Vergrößerungsgläser, um zu erkennen, daß
eine zahlreiche Klasse lasterhaften, sorglosen, entarteten Volkes ein
großes Uebel für uns ist. Die Aristokraten und Kapitalisten in England
können das nicht so empfinden wie wir, weil sie mit der Klasse, die
sie entarten, in keinen solchen Verkehr kommen wie wir. Sie sind in
unsern Häusern, sie sind die Gesellschafter unserer Kinder, und bilden
deren Geister schneller, als wir es können. Wenn Eva nicht mehr
Engel, als gewöhnliches Kind wäre, so würde sie ruinirt werden. Wir
könnten ebensowohl die Pocken unter ihnen grassiren lassen und glauben,
daß unsere Kinder nicht angesteckt werden sollten, wie sie in einem
unwissenden und lasterhaften Zustande lassen, und annehmen, daß unsere
Kinder davon nicht leiden werden. Allein unsere Gesetze verbieten
ganz ausdrücklich jede Art eines allgemeinen Erziehungssystemes für
dieselben, und zwar aus einem sehr weisen Grunde; denn habe nur erst
eine Generation gründlich erzogen, so würde die ganze Sache wie eine
Pulvermine in die Luft fliegen. Sie würden sich dann die Freiheit
nehmen, wenn wir sie ihnen nicht geben wollten.«

»Und was denkst Du denn, daß das Ende von dem Allen sein wird?« sagte
Ophelia.

»Ich weiß es nicht. So viel ist gewiß, -- daß eine Musterung der Massen
jetzt auf der ganzen Erde gehalten wird, und daß ein +dies irae+
früher oder später kommen muß. Es ist dasselbe in Europa, in England
und in Amerika. Meine Mutter pflegte mir von einem tausendjährigen
Reiche zu erzählen, das kommen, und wo Christus herrschen werde, und
alle Menschen frei und glücklich sein sollten. Und sie lehrte mich, als
ich ein Knabe war, beten: »»Dein Reich komme!«« Zuweilen ist mir, als
sei alles dieses Seufzen und Stöhnen eine Ankündigung dessen, was da
kommen müsse, wie sie mir sagte. Aber »»wer wird den Tag Seiner Zukunft
erleiden mögen?««

»Augustin, zuweilen denke ich, daß Du vom Reiche Gottes nicht sehr fern
bist,« sagte Miß Ophelia, während sie ihr Strickzeug niederlegte und
ihn mit tiefem Gefühle anblickte.

»Danke Dir für Deine gute Meinung; allein es geht mit mir auf und
nieder, -- aufwärts bis an die Himmelspforten in der Theorie, und
nieder in den Staub der Erde in der Ausübung. Aber da erschallt die
Glocke zum Thee! Komm! laß uns gehen, und sage nur nicht wieder, daß
ich nie in meinem Leben ein ernstes Gespräch geführt habe.«

Am Theetische erwähnte Marie des Vorfalles mit Prue. »Ich glaube,
Cousine,« sagte sie, »Sie werden uns hier für Barbaren halten.«

»Ich halte dieses Ereigniß allerdings für eine barbarische Handlung,«
entgegnete Ophelia; »allein ich glaube nicht, daß Sie alle Barbaren
sind.«

»Ich weiß,« sagte Marie, »daß es durchaus unmöglich ist, mit manchen
von diesen Geschöpfen fertig zu werden. Sie sind so schlecht, daß sie
nicht zu leben verdienen. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde so
etwas nicht vorkommen.«

»Aber, Mamma,« sagte Eva, »die arme Frau war unglücklich, deshalb hatte
sie sich dem Trunk ergeben.«

»Ach, Possen, als wenn das eine Entschuldigung wäre! Ich bin sehr oft
unglücklich. -- Ich glaube,« fügte sie sinnend hinzu, »daß ich größere
Leiden erduldet habe, als sie je empfunden hat. Es liegt nur daran,
daß sie alle so schlecht sind. Manche von ihnen lassen sich sogar
durch keinen Grad von Strenge bändigen. Ich besinne mich, Vater hatte
einen Mann, der so faul war, daß er stets davonlief, nur um der Arbeit
zu entgehen, und trieb sich dann in den Sümpfen umher, und stahl und
verübte Schändlichkeiten aller Art. Dieser Mensch wurde eingefangen und
gepeitscht, wieder und wieder, und es half alles nichts. Das letzte
Mal kroch er nur davon, denn er konnte nicht mehr gehen, und starb
im Sumpfe. Hier war nun gar kein Grund dazu vorhanden, denn Vaters
Arbeiter wurden alle sehr gut behandelt.«

»Ich habe einmal einen Burschen zu Paaren getrieben,« sagte St. Clare,
»an dem alle Aufseher und Herren ihre Kräfte vergeblich versucht
hatten.«

»Du?« sagte Marie; »ich möchte wohl wissen, wann Du je so Etwas
ausgeführt hättest!«

»Es war ein kräftiger, riesengroßer Kerl, -- ein geborener Afrikaner,
der den rohen Instinkt der Freiheit in einem ungewöhnlichen Grade in
sich trug, -- ein ächter afrikanischer Löwe. Sein Name war Scipio.
Niemand konnte etwas mit ihm anfangen, und er wurde deshalb von einem
Aufseher an den andern verkauft, und kam so endlich in Alfred's Hände,
weil dieser glaubte, er könne ihn bändigen. Wohl, eines Tages schlug
er den Aufseher zu Boden, und war fort in die Sümpfe. Ich befand mich
grade auf Alf's Plantage zum Besuch, denn es fand Statt, nachdem
wir unsere Geschäftsverbindung bereits aufgelöst hatten. Alfred war
aufgebracht im höchsten Grade; allein ich sagte ihm, daß es seine
eigne Schuld sei, und machte eine Wette mit ihm, daß ich den Menschen
bändigen wolle. Wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn
einfinge, ich ihn haben solle, um meinen Versuch an ihm zu machen. Es
wurde also eine Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten mit Hunden
und Gewehren ausgewählt, und die Jagd begann. Ihr müßt wissen, daß
die Menschen mit demselben Eifer auf eins ihrer Mitgeschöpfe Jagd
machen, wie auf einen Rehbock, sobald es Gewohnheit geworden ist. Die
Hunde bellten und heulten, und wir streiften durch Busch und Wald,
und jagten ihn endlich auf. Er lief und sprang wie ein Rehbock, und
ließ uns eine lange Zeit hinter sich; allein endlich blieb er in einem
undurchdringlichen Rohrgebüsch stecken, und dann wandte er sich um, und
setzte sich zur Wehr, und kämpfte, versichere ich Euch, brav gegen die
Hunde. Rechts und links schmetterte er sie nieder, und tödtete drei
mit seinen bloßen Fäusten, als ein Schuß ihn zu Boden streckte, und er
verwundet und blutend beinahe dicht vor meinen Füßen zusammenstürzte.
Der arme Mensch schlug sein Auge mit männlicher Verzweiflung zu mir
auf. Ich hielt die Hunde und die übrigen Jäger zurück, als diese
herankamen, und sich um ihn drängten, und verlangte ihn als meinen
Gefangenen. Alles was ich thun konnte, war, daß ich sie verhinderte,
ihn in ihrer heftigen Aufregung niederzuschießen; allein ich bestand
auf mein Fangrecht, und Alfred verkaufte ihn an mich. Nunmehr fing ich
meine Kur mit ihm an, und in Zeit von vierzehn Tagen hatte ich ihn so
zahm und unterwürfig gemacht, wie man es nur wünschen konnte.«

»Was in aller Welt hast Du denn mit ihm gemacht?« fragte Marie.

»Es war ein sehr einfacher Prozeß. Ich nahm ihn in mein eignes Zimmer,
ließ ein gutes Bett für ihn herrichten, und verband seine Wunden, und
pflegte ihn selbst, bis er wieder aufstehen konnte; und nach einiger
Zeit ließ ich Freischeine für ihn ausfertigen, und sagte ihm, daß er
gehen könne wohin er wolle.«

»Und ging er?« fragte Miß Ophelia.

»Nein; der närrische Mensch riß die Papiere entzwei, und weigerte
sich durchaus, mich zu verlassen. Ich hatte nie einen besseren Diener
um mich, -- zuverlässig und treu wie Stahl. Er ging später zum
Christenthume über, und wurde so sanft wie ein Kind. Längere Zeit war
er Aufseher über meine Besitzung am See, und stand seinen Geschäften
musterhaft vor. Ich verlor ihn in der ersten Cholerazeit. Er opferte
eigentlich sein Leben für mich; denn ich war krank, beinahe todtkrank,
und als alle Anderen von Schrecken ergriffen flohen, blieb Scipio bei
mir allein zurück, und arbeitete an meinem Körper wie ein Riese, und
brachte mich richtig wieder in das Leben zurück. Aber der arme Mensch
wurde angesteckt, und es war keine Rettung für ihn. Nie habe ich einen
Verlust schmerzlicher empfunden, als diesen.«

Eva war allmählig näher und näher an ihren Vater herangekommen, als er
diese Geschichte erzählte, während ihre schmalen Lippen halb geöffnet
waren, und aus ihren großen, ernsten Augen das tiefste Interesse
sprach.

Als er geendet hatte, warf sie sich plötzlich um seinen Hals, brach in
Thränen aus, und schluchzte krampfhaft.

»Eva, liebes Kind! was ist Dir denn?« sagte St. Clare, während ihr
zarter Körper von der Heftigkeit ihrer Empfindungen bebte und flog.
»Dieses Kind,« fügte er hinzu, »müßte eigentlich nie so etwas hören, --
es ist zu nervenschwach.«

»Nein, Papa, ich bin nicht nervenschwach,« sagte Eva, plötzlich sich
sammelnd, mit einer für ein solches Kind wunderbaren Willenskraft. »Ich
bin nicht nervenschwach, aber solche Dinge ~sinken mir in's
Herz~.«

»Was meinst Du damit, Eva?«

»Ich kann es Dir nicht sagen, Papa; ich habe viele, viele Gedanken.
Vielleicht kann ich es Dir später einmal sagen.«

»Nun, so denke immer zu, Kind, -- nur weine und quäle Deinen Papa
nicht,« sagte St. Clare. »Sieh' hier, sieh', was für eine wunderschöne
Pfirsich ich für Dich habe!«

Eva nahm die Frucht und lächelte, obgleich um ihre Mundwinkel noch
immer ein fieberhaftes Zucken schwebte.

»Komm', sieh' hier den Goldfisch,« sagte St. Clare, ihre Hand nehmend,
und mit ihr auf die Veranda hinaustretend. Einige Augenblicke später
erscholl lautes Lachen durch die seidenen Gardinen, während Eva und ihr
Vater sich einander mit Rosen warfen, und sich durch die Baumgänge des
Hofes jagten.

* * * * *

Wir dürfen unsern Freund Tom über die Begebenheiten der höher Geborenen
nicht ganz vergessen. Wenn uns deshalb unsere Leser nach seinem
kleinen Verschlage über dem Stalle begleiten wollen, so können sie
etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein einfaches,
kleines Gemach, welches ein Bett, einen Stuhl, und ein rohes Gestell
enthielt, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen, und wo er jetzt
sitzt, mit seiner Tafel vor sich, in einer Beschäftigung begriffen,
die ihm schweres Nachdenken zu verursachen scheint. Toms Sehnsucht
nach Hause war nämlich so stark geworden, daß er sich von Eva einen
Bogen Briefpapier erbeten hatte, und unter Aufbietung seines gesammten
kleinen, wissenschaftlichen Schatzes, den er sich in Georg's Unterricht
erworben, die kühne Idee gefaßt hatte, einen Brief zu schreiben; und
jetzt grade war er beschäftigt, den ersten Entwurf dazu auf seiner
Tafel niederzuschreiben. Tom war in nicht geringer Verlegenheit, denn
er hatte die Figuren mancher Buchstaben ganz vergessen, und was er noch
wußte, verstand er nicht anzuwenden. Und während er sich abmühte, und
in seinem Eifer schwer athmete, stieg Eva wie ein Vogel hinter ihm auf
seinen Stuhl, und blickte über seine Schulter.

»O, Onkel Tom! was für sonderbare Figuren machst Du da!« sagte sie.

»Ich versuche, an meine arme, alte Frau zu schreiben, Miß Eva, und an
meine kleinen Kinder,« sagte Tom, während er mit der Kehrseite seiner
Hand über die Augen fuhr; »aber ich fürchte, ich werde nicht damit
fertig werden.«

»Ich wollte, ich könnte Dir helfen, Tom! Etwas schreiben kann ich.
Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen; aber ich fürchte, ich
habe sie wieder vergessen,« sagte Eva, indem sie ihren goldenen Kopf
dicht an den seinigen hielt, worauf Beide sodann, gleich eifrig und
gleich unwissend, das ernste Geschäft begannen, und unter vielfachen
Zweifeln und Berathungen von Wort zu Wort schritten, und sich lebhaft
über ihre Produktionen freuten.

»Ja, Onkel Tom, jetzt fängt es an, hübsch zu werden,« sagte Eva,
während sie mit Entzücken darauf blickte. »Wie Deine Frau sich freuen
wird, und die armen kleinen Kinder! O, es ist eine Schande, daß Du von
ihnen hast fortgehen müssen! Ich will nächstens Papa darum bitten, daß
er Dich zurückgehen lasse.«

»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herunterschicken, sobald sie
es zusammenbringen könnten. Ich denke, sie wird es thun. Junge Master
Georg sagte, er wollte mich holen, und gab mir diesen Dollar zum
Zeichen,« erwiederte Tom, indem er den kostbaren Dollar unter seinen
Kleidern hervorzog.

»O, dann kommt er gewiß!« sagte Eva. »Ich freue mich so!«

»Und ich wollte gern einen Brief hinschicken, daß sie wissen, wo ich
bin,« sagte Tom, »und Chloë zu wissen thun, daß es mir gut geht, --
denn sie war so unglücklich, das arme Wesen!«

»Tom!« rief St. Clare's Stimme, der in diesem Augenblicke in die Thür
trat.

Tom und Eva sprangen auf.

»Was gibt's hier?« fragte St. Clare, indem er näher kam, und auf die
Tafel blickte.

»O, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm schreiben,« sagte Eva, -- »ist es
nicht hübsch?«

»Ich will keinem von euch den Muth nehmen,« entgegnete St. Clare,
»aber ich denke, Tom, es wird besser sein, wenn ich den Brief für Dich
schreibe. Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt zu Hause
komme.«

»Es ist sehr nothwendig, daß er schreibt,« sagte Eva, »denn seine
Mistreß will Geld herunterschicken, um ihn auszulösen, -- verstehst Du,
Papa? sie hat ihm das versprochen.«

St. Clare dachte im Stillen, daß dies wahrscheinlich nichts als eine
solcher Verheißungen sei, die gutmüthige Herrschaften ihren Dienstboten
machen, um deren Schrecken vor dem Verkauftwerden zu mildern, ohne
wirklich die Absicht zu haben, diese Erwartung je zu verwirklichen;
aber er äußerte keine Bemerkung darüber, sondern befahl Tom nur, die
Pferde aus dem Stalle zu holen.

Toms Brief wurde an demselben Abende in bester Form geschrieben, und
auf die Post befördert.

Miß Ophelia fuhr inzwischen in ihren Haushaltungsarbeiten fort. Alle
Dienstboten, von Dinah abwärts bis zum jüngsten Zwerge, waren darüber
einverstanden, daß Miß Ophelia entschieden sehr »curios« sei, -- eine
Bezeichnung, durch welche die Dienstboten des Südens zu verstehen zu
geben pflegen, daß ihre respectiven Vorgesetzten ihnen nicht zusagen.

Der höhere Cirkel des Haushalts, -- wie Adolph, Jane und Rosa, -- waren
der Meinung, daß sie keine Dame sei, da Damen nie solche Arbeiten
verrichteten, wie sie, und daß sie auch gar nicht das Aeußere einer
Dame habe, und wunderten sich, daß sie überhaupt eine Verwandte St.
Clare's sein könne. Selbst Marie erklärte, daß es für sie in hohem
Grade ermüdend sei, die Cousine fortwährend so geschäftig zu sehen. Und
in der That war Miß Ophelia's Thätigkeit so ununterbrochen, daß sich
beinahe darin etwas Grund zur Klage finden ließ. Sie nähte vom Morgen
bis in die Nacht mit einem Eifer, als wäre ein besonders dringender
Grund dazu vorhanden; und wenn es dunkel wurde, und sie ihre Arbeit
zusammengelegt hatte, so kam im Nu der ewig bereite Strickstrumpf
zum Vorschein, und sie begann von Neuem mit demselben Eifer. Es war
wirklich eine Arbeit, ihr zuzusehen.


*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***